Edward Lee: Bighead

bigheadBuchreihe: Horror TB 44
Creekers, USA, 1994
Festa Verlag, Leipzig, August 2012
Taschenbuch, Horror/Thriller, ISBN:
978-386552161-3, 336 Seiten, 13,95 EUR
Aus dem Englischen von Manfred Sanders
Coverbild: Danielle Tunstall

http://www.festa-verlag.de

http://www.edwardleeonline.com/

http://www.danielletunstall.com

So’n feiner, großer, junger Bursche wie du“ hatte Grandpap gesacht, bevor er starb (…), „da is‘ es nur natürlich, dass du auf ‚ne Wanderung gehen willst, um selbst die Welt-da-draußen zu sehn. Aber denk dran, was ich dir gesacht hab‘. Lass dir von kei’m nix gefallen. Mach sie fertich, bevor sie dich fertichmachen. Und vergiss eins nich‘, mein Junge. Die Welt-da-draußen is‘ voll von richtich bösen Leuten und die einzieg Möglichkeit, um klarzukommen, is‘, dass du dir richtich Mühe gibst, nöch böser als sie zu sein.“ Bighead sah da kein Problem.

INHALT

Charity Walsh besucht nach vielen Jahren ihre Tante Annies, die sie nach dem angeblichen Freitod ihrer Mutter aufgezogen hatte. Gemeinsam mit ihr unterwegs ist Jerrica Perry, eine nymphomane Journalistin, die eine Artikelreihe über die ländliche Folklore der Gegend vorbereitet. In Annies Pension treffen beide auf den reichlich unorthodoxen Pater Tom Alexander, der die nahegelegene Abtei wieder aufbauen soll, die nach einem blutigen Massaker Jahre zuvor geschlossen wurde.
Außerdem hat sich gerade ein Wesen wie aus einem Alptraum – genannt Bighead – aus der Abgeschiedenheit des Waldes auf den Weg in die Zivilisation gemacht, eine Spur zerfressener und vergewaltigter Leichen hinter sich her ziehend.

Ich kann mich kaum daran erinnern, es ist so lange her. Es geht um ein Monsterkind, das irgendwo in den Wäldern lebte. Es hatte einen riesigen kahlen Kopf und krumme Zähne und angeblich war es ein Kannibale. Es ist einfach nur eine Geschichte, die Eltern ihren Kindern erzählen, um sie zu erschrecken. Du weißt schon. „Sein brav, sonst holt dich Bighead“. Im Lauf der Zeit entwickelte sich daraus ein regionaler Mythos.“

MEINUNG

Hier haben wir also das Buch mit dem zweifelhaften Ruf, das „most disturbing book“ ever zu sein. Edward Lee hat sich dahingehend schon selbst wieder getoppt aber es ist wirklich beinharter Tobak, der den Leser hier serviert wird. Ein hirnfressender Mutant, Hinterwäldler, denen der Saft dauerhaft bis zu den Ohren steht und die alles ficken, was ein Loch hat – tot oder lebendig – und eine triebgesteuerte Nymphomanin, die vom Sex mit einem gotteslästerlichen Priester träumt. Damit lässt sich schon mal ein Abend der Marke „Lee“ verbringen. Der Autor spart nicht an Körpersäften, Brutalitäten und eingehenden Beschreibungen von Mord, Folter und Verstümmelung. In dieser Beziehung ist BIGHEAD nur schwer zu überbieten.

Wischt man die Kruste aus Blut, Sperma und Fäkalien allerdings beiseite, kommt darunter eine klassisch gestrickte Mysterygeschichte zum Vorschein, die ich sogar dem Gothic-Horror zuordnen würde. Alles, was das Genre braucht, und sogar die Stilmittel von Lees erklärtem Vorbild H. P. Lovecraft finden hier Verwendung. Ein Geheimnis aus der Vergangenheit, eine lokale (urbane) Legende und die sich stetig verdichtende Gewissheit, dass alle seltsamen Ereignisse irgendwie zusammenhängen. Lee erzählt seine Geschichte in mehreren unabhängigen Handlungssträngen mit jeweils eigenen Protagonisten, die nach und nach zusammenfinden, wie man es schon von Festa-Kollege Bryan Smith kennt.

Das Ende des Romans, das Bigheads Herkunft erläutert, stellt schon fast eine Zäsur dar. Lt. Autorenanmerkung ist dies die zuerst erdachte Version, die für die englische Erstausgabe geändert wurde. Wäre ein interessanter Bonus gewesen.

Handwerklich überzeugt Edward Lee auf geradezu erschreckende Weise. Obwohl nie unübersichtlich, rast die Story ungebremst auf das Finale zu und zwingt förmlich zum Weiterlesen. Ungeachtet aller Kontroversen bzgl. Edward Lees plakativen Stils hat Festa mit dem Autor einen absoluten Volltreffer nach Deutschland geholt. Heyne Hardcore war gestern.

Die Übersetzung von Manfred Sanders hat sogar noch die Besonderheiten des Romans ins deutsche gerettet, nämlich den Hinterwäldler“akzent“ und die stark verschliffene Sprech-, bzw. Denkweise von Bighead.

Was die Optik angeht haben die Festa-Layouter wieder ganze Arbeit geleistet und ein Foto von Danielle Tunstall in das Edward Lee-Reihenlayout eingepasst. Ansonsten ist das Taschenbuch in Lederoptik gewohnt gut gearbeitet und weist selbst nach dem lesen keine Knicke auf.

FAZIT

Hart, schnell, saftig. Ein perverser Pageturner. Die Verlagswarnung sollte jedoch unbedingt ernst genommen werden.

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