Milo Manara: Die Reisen des G. Bergmann: Ein Autor sucht sechs Personen – Tag des Zorns

MILOMANARAWERKAUSGABE9EINAUTORSUCHTSECHSPERSONENTAGDESZORNES_921Reihe: Manara Werkausgabe 9
Original-Storys: Un autore in cerca di sei personaggi, Dies Irae
Paninicomics, Stuttgart, 10/2012
Hardcover, schwarz/weiß, teils Farbbilder und Farbtafeln, Abenteuer/Erotik, ISBN: 978-3-86201-408-8, 196 Seiten, 29,95 EUR
Aus dem Italienischen von Michael Leimer
https://www.paninicomics.de
http://www.milomanara.it/

STORY
Im Prolog streiten zwei Männer um eine Tasche, die Pläne enthält, wie man die Kraft der Sonne, als schier unerschöpfliche, saubere Energiequelle nutzen kann. Die eigentliche Geschichte beginnt jedoch damit, dass Guiseppe Bergmann in den Kulissen eines Abenteuerfilms auf die Hauptdarstellerin wartet. Diese ist jedoch aufgrund ihres Engagements in einer Fernsehserie nicht in der Lage in diesem Film mitzuspielen. Wie gerufen taucht plötzlich Lou-Lou, die Assistentin der Kostümbildnerin auf, die vom Fleck weg als neue Hauptdarstellerin eingesetzt wird. Ihre Rolle ist es nun, eine Prostituierte zu spielen, die von einem sterbenden Mann die Tasche aus dem Prolog erhalten soll. Unversehens findet sich Lou-Lou in den Filmkulissen wieder, doch bevor der Überbringer der Tasche die Szene betreten kann, wird Lou-Lou von zwei halbseidenen Gestalten entdeckt, die sich von der vermeintlichen Hure ein Abenteuer erhoffen. So sieht sich Lou-Lou nach ihrer Flucht, auf der sie ihre Kleidung einbüßt, plötzlich in eine Bar gedrängt, wo sie weiter auf Äußerste bedrängt wird. Unnötig zu erwähnen, dass der sterbende Mann ihr die Tasche nicht übergeben kann. Schließlich wird Lou-Lou doch von Bergmann – samt Tasche – gerettet, mit dem sie aufgrund eines mysteriösen Tipps gemeinsam nach Äthiopien reist, um dort das Schloss Virgoberg zu finden, in dessen Fundament eine Jungfrau eingemauert sein soll, um dort die Tasche zu übergeben.

MEINUNG
Das anfänglich vermeintliche Abenteuer-/Thriller-Szenario erweist sich recht bald der Auftakt zu einem surrealen Abenteuer, in dessen Verlauf sich die Figuren stets dem scheinbar vorgegebenen Weg entziehen oder durch „äußere Umstände“ abgedrängt werden. Nur, dass es in einer erdachten Geschichte, keine äußeren Umstände gibt. An einer Stelle entschuldigt sich Bergmann beispielsweise bei dem Leser, dass die Handlung nun nicht, wie geplant, in Äthiopien weitergeht, sondern an der tunesisch-algerischen Grenze, weil die Formalitäten so lange dauern. Dies ist nur ein Beispiel, mit dem Manara die scheinbaren Zufälle seiner Geschichte als durchaus gewollt und geplant enttarnt. Sehr schön ist auch die Szene, mit der Lou-Lou aus der Handlung verschwindet: Hier stehen nur noch drei Strips (Comiczeilen) zur Verfügung und sie bittet den Zeichner, ihr noch möglichst viele Bilder zu verschaffen, um ihre begonnene Masturbation – schließlich ist sie die erotische Komponente der Erzählung (so wird sie an einer Stelle offen deklariert) – zu einem Happy End zu bringen. Und so werden die Bilder zum Seitenende hin immer kleiner, bis man schließlich nur noch winzige schwarze Kästchen sieht.

So scheinen Manaras Figuren ein teils störrisches Eigenleben zu entwickeln. Der Autor spielt auf diese Weise meisterhaft sowohl mit den Gepflogenheiten des Geschichtenerzählens an sich, als auch mit der speziellen Form des grafischen Erzählens, wie es sie im Comic gibt, indem er Hintergründe als Kulissen entlarvt oder sich Bergmann förmlich unter einer Sprechblase hindurch schieben muss, um zu seinem Gegenüber sprechen zu können. Dies sorgt ebenfalls dafür, dass man als Leser – im positiven Sinne – Gefahr läuft, sich gemeinsam mit den Figuren in ihren „zufälligen“ Abenteuern zu verlieren, die bald interessanter erscheinen als die vorgegebene Abenteuerhandlung. So erweist sich auch die Anfangs wichtige Tasche als klassischer „McGuffin“, der die Handlung in Fahrt bringt, später aber keine Rolle mehr spielt.
Dem Eigenleben der Figuren ist offensichtlich auch der seltsam anmutende Titel des ersten Teils EIN AUTOR SUCHT SECHS PERSONEN geschuldet, der sich direkt auf Luigi Pirandellos seinerzeit (1921) als skandalös angesehenes (Rufe wurden laut, die Pirandello in eine Irrenhaus wünschten) Stück SECHS PERSONEN SUCHEN EINEN AUTOR bezieht. Hier betreten während einer Theaterprobe plötzlich sechs Personen die Bühne, geben sich als Bühnenfiguren zu erkennen und verlangen von Theaterdirektor, aufgeführt zu werden, um auf diese Art zu „leben“.manara-9_szene

Manaras „Held“ Guiseppe Bergmann – das Comic Alter Ego Manaras – scheint im Gegensatz zu einem klassischen Helden ebenfalls nicht so recht zu wissen, was er tun soll. Er treibt ebenso wie die anderen Figuren in einer Handlung, die er nicht beeinflussen kann. Dabei reichen die unkontrollierbaren Auswüchse der Autorenfantasie von recht deftig bis albern und slapstickhaft. Dennoch besteht kein Zweifel, dass Manara ein Meister seines Fachs – sowohl auf erzählerischer als auch auf künstlerischer Ebene – ist.

Bei den beiden enthaltenen Geschichten EIN AUTOR SUCHT SECHS PERSONEN und TAG DES ZORNS aus dem Zyklus DIE REISEN DES G. BERGMANN handelt es sich zwar um zwei einzelne Geschichten, doch weist der Übergang zwischen beiden weder formal noch inhaltlich einen Bruch auf.

Die Manara Werkausgaben-Reihe von Paninicomics sind mustergültige Veröffentlichungen. Sehr gut gearbeitete Hardcover im Format 29,5x22cm mit Schutzumschlag, gedruckt auf hochwertigem Papier. Ergänzend ist hier ein ausführliches und äußerst informatives Vorwort, sowie das Milo Manara Portfolio 3: „Das Geheimnis der Natur“ (Farbbilder) enthalten.

FAZIT
Spitzbübisch, Klug, Surreal, Sexy, Albern. Band 9 der Manara Werkausgabe bietet einen Ausflug in ein unkontrollierbares Abenteuer. Grafisch und erzählerisch auf höchstem Niveau.

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