„Mit Skinner ans Totenmaar“ – Die VINCENT PREIS – Gewinnerromane

Urkunde entwurfSeit 2007 wird der VINCENT PREIS, der deutsche Horrorpreis, verliehen, der sich inzwischen zu einer festen Größe – nicht nur im recht überschaubaren deutschen Horrorfandom – entwickelt hat: Geboren im deutschen Horror–Forum und gedacht als Meinungsbild von Lesern, Autoren und Verlegern unabhängig von der Anzahl von Followern und Freunden in den sozialen Netzwerken.
Der Grundgedanke des Preises war, die oft unter-schätzten und nur in Kleinverlagen oder Magazinen erscheinenden Horrorgeschichten deutscher Auto-rinnen und Autoren zu würdigen. Denn während Fantasy und auch Science–Fiction aus dem eigenen Land schon längst nicht nur salonfähig sondern sogar international erfolgreich sind, fristet der deutsche Horror ein unverdientes Schattendasein als Kassengift.
Im Horror–Forum nahm 2006 schließlich die Idee Gestalt an, die doch recht erkleckliche Zahl an Horrorkurzgeschichten aus deutschen Federn zusammenzutragen und die besten davon auf ideeller Ebene auszuzeichnen. So wurde der VINCENT PREIS im Jahr 2007 ein erstes Mal an zehn Kurzgeschichten vergeben. Im Jahr 2008 wurde der Preis schon etwas größer aufgezogen und unter anderem auch in der neuen Kategorie „Bester Roman“ verliehen, die bis heute Bestand hat. Gerade hier lässt sich sehr gut die große Bandbreite der „jungen“ deutschen Phantastik ablesen. Dass diese fünf sehr unterschiedlichen Romane als die jeweils Besten ihres Jahrgangs ausgezeichnet wurden, zeugt nicht nur von der Vielseitigkeit der oft verschmähten Gattung, sondern ebenso von dem Appetit des Publikums nach Abwechslung, die die wenigen jährlichen Übersetzungen aus dem Horrorgenre nicht bieten können.

Eulentor2008: Andreas Gruber – Das Eulentor

Blitz Verlag, Windeck, 2008
Gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978–3–89840–273–6
320 Seiten, 15,95 EUR
Covermotiv von Mark Freier

Der Arztsohn Alexander Berger begibt sich im Jahre 1911 zusammen mit dem Kartograph Jan Hansen und einer Handvoll Männern nach Spitzbergen, um dort eine Landkarte dieses Gebiets anzufertigen. Das raue Klima der arktischen Inseln fordert seinen Tribut. Gezeichnet von Entbehrungen und mehreren Verlusten an Menschenleben muss die Expedition nach elf Tagen als gescheitert angesehen werden. Kurz vor Expeditionsabbruch entdecken die Überlebenden ein scheinbar endlos tiefes Loch inmitten eines Gletschers.
Ein Jahr darauf kehren Berger und Hansen in die Arktis zurück, um das Geheimnis des Schlundes zu ergründen.

„Danach?“ Ich räusperte mich. „Sie meinen, wenn wir eine Tiefe von zweieinhalb Kilometer erreicht haben? Nun, dann sind wir tiefer in die Erde vor-gedrungen als je ein Mensch zuvor. Ich hoffe, dass wir dort unten eine Antwort auf Ihre Fragen finden … und möglicherweise einige Rätsel der Physik lösen können.“
(Der Schacht)

Andreas Grubers zweiter Roman nach DER JUDAS–SCHREIN (Festa Verlag 2006, Deutscher Phantastik Preis 2006 als bester Debütroman) bietet ein abenteuerlich–historisches Gerüst, wie man es aus Jules Vernes phantastischen Abenteuerromanen kennt, und versieht dieses mit verschiedensten Versatzstücken aus anderen Werken der Phantastik. Im Nachwort nennt der Österreicher selbst unter anderem John Carpenters DAS DING AUS EINER ANDEREN WELT (der Schauplatz), Mary Shelleys FRANKENSTEIN (das Finale) und sogar David Lynchs TWIN PEAKS (die Eulen) als Inspiration.
Obwohl diese Einflüsse deutlich erkennbar sind, gelingt es dem Autor DAS EULENTOR zu einem runden Ganzen zu formen, das in seiner Gesamtheit betrachtet wieder originell ist. Andreas Gruber ist sich außerdem bewusst, dass auch eine phantastische Geschichte mit glaubwürdigen Charakteren steht und fällt. Sein Alexander Berger ist zwar ein Getriebener – besessen davon, das Geheimnis des unergründlichen Schlundes zu lüften – jedoch kein verschrobener Einzelgänger, mit dem die Identifizierung schwer fällt, sondern sympathisch und durchaus vollwertig in das gesellschaftliche Leben seiner Heimatstadt integriert.
Insgesamt ist Andreas Gruber hier ein stark fokus-sierter Roman gelungen, dessen Spannung sich stetig steigert, der jedoch nie in Gefahr gerät, aus dem Ruder zu laufen. Obschon hier noch relativ am Anfang seiner Karriere erkennt man, dass der Autor ein begnadeter Handwerker ist, dem sein Talent inzwischen einen Vertrag mit Bertelsmann eingebracht hat, wo seine beiden aktuellen Thriller RACHESOMMER und TODESFRIST in der Erstauflage erschienen sind.
Vorgesehen war DAS EULENTOR zunächst als Beitrag in Edgar Allan Poes phantastische Bibliothek des Blitz–Verlags. Mit der Programmumstellung des Verlags auf edle kleinformatige Hardcover wurde die Reihe jedoch eingestellt und DAS EULENTOR erschien schließlich ohne Reihenzugehörigkeit als 320–seitiges Hardcover mit Schutzumschlag. Als Covermotiv diente eine Arbeit des mehrmaligen Vincent Preis–Trägers Mark Freier, das sich der Autor aus dem bestehenden Portfolio des Grafikers ausgesucht hat. Er baute als erzählerische Entsprechung des Bildes schließlich noch ein passende Szene in seinen Roman ein.
Der 1968 geborene Wiener Andreas Gruber legt seit seinen Anfängen als Autor von phantastischen Kurzgeschichten eine unbestreitbar professionelle Qualität an den Tag, die mit einigen Nominierungen belohnt wurde. Seine Erzählbände DER FÜNFTE ERZENGEL und JAKOB RUBINSTEIN wurden für den DPP (Deutscher Phantastik Preis) nominiert, sein Kurzgeschichtenband DIE LETZTE FAHRT DER ENORA TIME wurde schließlich 2002 damit ausgezeichnet. Dass er seinen hohen Qualitätsstan-dard auch in die Romanform retten konnte beweist 2006 der erneute erste Platz beim DPP für seinen ersten Roman DER JUDAS–SCHREIN. Gruber legt Wert auf glaubhafte Charaktere und ein von nachvollziehbaren Regeln bestimmtes Umfeld, in das er nach und nach das Übernatürliche einbrechen lässt. Ganz so, wie es auch Großmeister Stephen King oft zu tun pflegt. Mit RACHESOMMER und TODESFRIST (beide in der Erstauflage als HC bei Bertelsmann mit folgender Taschenbuchausgabe im Goldmann Verlag) hat sich Andreas Gruber erfolgreich dem klassischen Psychothriller zugewandt. Eine Sammlung von bisher verstreut erschienenen phantastischen Kurzgeschichten erschien 2011 unter dem Titel GHOST WRITER im Shayol Verlag.
http://www.agruber.com/

Dagons Erben2009: Tobias Bachmann – Dagons Erben

Basilisk Verlag, Reichelsheim, 2009
Reihe: Edition Arkham 2
Taschenbuch
ISBN: 3–935706–39–1
126 Seiten, 12,00 EUR
Covermotiv von Mark Freier
limitiert auf 99 Exemplare

Berlin 1942. Mitten in den Wirren des Zweiten Weltkriegs findet sich der Spion und Kryptologe Zadok plötzlich einer weit größeren Gefahr ausgesetzt, als es die Kriegsmaschinerie der Deutschen je sein könnte. Fremdartige Geräusche und ein seltsames Musikstück auf einer Schellack-platte lösen unangenehme Visionen bei ihm aus: Eine grün überwucherte Welt, in der Soldaten gegen einen (noch) unsichtbaren Feind kämpfen. Zadoks Nachforschungen führen ihn zu dem Komponisten des Stückes, Erich Zann, und zu einem Code, der in den Schriften eines gewissen H. P. Lovecraft versteckt ist.

„Sagt ihnen der Name Lovecraft etwas?“ „Noch nie gehört.“ „Ein amerikanischer Autor sogenann-ter phantastischer Literatur. Solche Schriften, die hierzulande verbrannt wurden. Ein erbärmlich schlechter noch dazu. Hat kaum etwas veröffentlicht, stand jedoch in Korrespondenz mit diversen Nazigrößen (…).“
(Das Grammophon)

Tobias Bachmann gibt sich nicht damit zufrieden, seine beiden Hauptprotagonisten Zadok (benannt nach Zadok Allen aus SCHATTEN ÜBER INNSMOUTH) und Zann (Erich Zann aus DIE MUSIK DES ERICH ZANN) durch den Dauerre-gen des kriegsgebeutelten Berlins von 1942 zu hetzen. Im allgemeinen Verschwörungs–Taumel, den Dan Browns ILLUMINATI ausgelöst hat, hat Bachmann in Lovecrafts Mythos–Blaupause DAGON auch noch nachträglich einen geheimen Code versteckt, den es für Zadock und Zann zu entschlüsseln gilt. Auch wenn es sie ihren Verstand kostet. DAGONS ERBEN erschien als zweiter Band der Edition Arkham im Basilisk–Verlag in einer Auflage von 99 Exemplaren, die aufgrund der Vorbestellungen alle schon vor der Drucklegung ausverkauft waren. Das Coverartwork wurde auch hier von dem Münchner Grafiker Mark Freier erstellt. Bereits im Jahr 2000 veröffentlichte der 1977 geborene Tobias Bachmann seine vielbeachtete Kurzgeschichtensammlung KALEIDOSKOP DER SEELE. Es folgten der Thriller DIE RUHE NACH DEM TOD und die Sammlung NOVALIS TRAUM, wiederum gefolgt von dem Kurzroman SPIEL DER ORNAMENTE, bevor eine erweiterte Auflage von KALEIDSOKOP DER SEELE erschien und als Retrospektive 1993 – 2007 deklariert, veröffentlicht wurde. Ebenfalls 2007 erreichte Bachmann den 2. Platz beim VINCENT PREIS für seine Kurzge-schichte DIE KLANGKATHEDRAHLE aus der Anthologie MASTERS OF UNREALITY. Bereits zwei Jahre vor DAGONS ERBEN bewies Tobias Bachmann in seinem Gemeinschaftswerk mit Markus K. Korb DAS ARKHAM–SANATORIUM beachtliches Geschick in Sachen lovecraftscher Phantastik.
http://www.tobias–bachmann.de/

Skinner2010: Harald A. Weissen – Begegnung mit Skinner

Sieben Verlag, Ober–Ramstadt, 2010
Reihe: Scream 1
Taschenbuch im Überformat
ISBN: 978–3–94023–598–5
200 Seiten, 14,90 EUR
Covermotiv von Mark Freier

Nach einem traumatischen Autounfall, bei dem ihre Eltern und ihr Bruder getötet werden, löst sich Laikas Verstand von ihrem Körper. Fortan „Elendes Biest“ genannt, begleitet er sie in Form eines „unglaublich dünnen, grünhäutigen Wesens“ mit einem „dreieckigen, an ein Katzenhaupt erinnernden Kopf“. Doch nicht nur ihr Verstand hat sich von Laika getrennt, auch ihre Kreativität, die nun als elysische Schönheit mit spinnfadenfeinem, unnatürlich langem Haar durch die Gegend streift und als „Schwester der Apokalypse“ eine Armee untoter Tierkadaver um sich schart. Ihr Ziel ist es, den Kontrollraum zu finden, von dem aus das Schicksal der Erde gelenkt wird „um damit die Welt ins Chaos zu stürzen“. Im Auftrag des Rates der verlorenen Eigenschaften sollen Laika und „Elendes Biest“ verhindern, dass die „Schwester der Apokalypse“ den Kontrollraum erreicht. Dazu bedarf es der Unterstützung von Salvador Skinner, des letzten echten Illusionisten.

Elendes Biest: „Ich bin ein Teil von dir – dein Verstand, um präzise zu sein –, den du während des Unfalls verloren hast. Vergiss das nie.“

Romandebütant Harald A. Weissen erschafft mit BEGEGNUNG MIT SKINNER ein selten dagewesenes anarchisches Durcheinander verschiedener phantastischer Elemente, das sich weniger gegenseitig hemmt als vielmehr befruchtet. Märchen paart sich hier mit Splatter, Psychothriller mit Zauberei. Am Ende wirkt BEGEGNUNG MIT SKINNER wie ein surreales Road–Movie; eine groteske Clive Barker–Variante von ALICE IM WUNDERLAND.
BEGEGNUNG MIT SKINNER ist der erste Band von Alisha Biondas zunächst im Sieben–Verlag herausgegebene – inzwischen eingestellte – Reihe „Scream“, die Horror „von Pulp bis Bel Esprit“ bieten sollte. BEGEGNUNG MIT SKINNER ist beides.
Harald A. Weissen schreibt von Personen, die eine Gratwanderung zwischen harter Realität und träumerischer Scheinrealität begehen (Autorenvita). Nach der Lektüre seines Romanerstlings kann man diese Aussage nur unterschreiben. Laut einem Interview plant der 1971 geborene Schweizer seine Geschichten nicht en détail im Voraus sondern lässt sie sich beim Schreiben entwickeln. Nach einigen Kurzgeschichten in Magazinen (XUN, PHANTASTISCHE ZEITEN, FANTASIA, ANDROMEDA NACHRICHTEN) und Anthologien (DARK LADIES, CASSUS BELLI, PAINSTATION), für die er u.a. den 1. Phantastische Zeiten Story–Award gewonnen hat, folgte sein Debütroman BEGEGNUNG MIT SKINNER. In Vorbereitung befindet sich sein zweiter Roman ES WAR EINMAL …
http://haraldweissen.ch/

Totenmaar2011: Michael Knoke und Jörg Kleudgen – Totenmaar

Blitz Verlag, Windeck, 2011
Gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978–3–89840–319–1
238 Seiten, 15,95 EUR
Covermotiv von Mark Freier

Von einer unbestimmten Krankheit geplagt wird Roland Block von seiner Arbeit freigestellt. Es drängt ihn, die Orte seiner Kindheit aufzusuchen, wobei ihm stets ein schwarzgekleideter Mann zu folgen scheint. Zunächst ziellos erkundet Block die Eifel, bis er in einem Reiseführer auf eine Abbildung des Totenmaars stößt. Die Fotografie weckt in Roland vage Erinnerungen und das Gefühl einer Bedrohung. Hier vermutet er die Ursache seiner ungewissen Bedrückung.

„Ich erinnerte mich so deutlich an diesen Ort, als hätte ich ihn erst gestern aufgesucht! Der See hatte eine dunkle, furchterregende Faszination in mir ausgelöst, die ich bis heute tief in meinem Herzen trug. Und das, obwohl ich dieses Erlebnis im Lauf der rasch dahineilenden Kindheitsjahre irgendwie verdrängt hatte.“

TOTENMAAR ist anfänglich gekennzeichnet durch den scheinbar ziellos gehetzten Roland Block; ganz ähnlich dem namenlosen Protagonisten aus Michael Knokes IM WENDEKREIS DER ANGST. Dem-entsprechend ist zunächst nicht klar, wo der Roman hinsteuert. Der Leser wird lediglich Zeuge von Blocks ziellosen Irrwegen. Die zweite Hälfte des Romans, welche von Jörg Kleudgen verfasst wurde, fängt die taumelnde Handlung wieder ein, bietet eine Erklärung für Blocks Zustand und gibt dem Geschehen damit eine konkrete Richtung.
So schafft es Jörg Kleudgen, TOTENMAAR zu erden und recht elegant abzurunden. Auch die formelle Endüberarbeitung wurde von Kleudgen übernommen, denn leider verstarb Michael Knoke bereits 2010.
TOTENMAAR erschien als kleinformatiges Hard-cover mit Schutzumschlag im Blitz Verlag, wo zuvor schon Jörg Kleudgens Geschichtenzyklus COSMOGENESIS und die Anthologie NECROLOGIO – zum 20–jährigen Jubiläum von Kleudgens Gothic–Rock–Band THE HOUSE OF USHER – erschienen. Für das Covermotiv verwan-delte der Grafiker Mark Freier eine Fotografie von Jörg Kleudgen in ein stimmungsvolles Bild, auf dem der Autor selbst den Mann in Schwarz darstellt und das die bedrohliche Stimmung des Romans kongenial einfängt.
Michael Knoke und Jörg Kleudgen waren und sind feste Größen in der deutschsprachigen Phantastik–Kleinverlagsszene. Während Jörg Kleudgen mit seiner legendären Goblin–Press Phantastikgeschichte schrieb und Autoren wie Boris Koch, Michael Siefener oder eben auch Michael Knoke erste Veröf-fentlichungsmöglichkeiten bot, schrieb Michael Knoke u.a. für die Heftromanreihe DÄMONENLAND (Bastei Verlag) oder für die TITAN–/STAR VOYAGER–Serie (Blitz Verlag). Nach einer längeren Veröffentlichungspause er-schien 2008 bei Eloy Edictions der autobiografisch gefärbte Roman IM WENDEKREIS DER ANGST, der im Fandom nahezu uneingeschränkt gelobt wurde. Weitreichender Erfolg blieb Michael Knoke jedoch verwehrt. Zu sperrig und unangepasst sind seine Charaktere; mit ungenügendem Identifikationspotenzial für den Mainstreamleser.
Jörg Kleudgen hat inzwischen seine Goblin Press wiederbelebt mit dem Ziel, bewusst sperrige und unangepasste Texte der Phantastik zu veröffentli-chen, die ansonsten kaum eine Chance auf Heraus-gabe hätten. Die Ausgaben der neuen Goblin Press werden dabei in liebevoller Handarbeit hergestellt und auf Vorbestellung verschickt.
https://www.facebook.com/jorg.kleudgen

Das-zweite-Gesicht2012: Kai Meyer – Das zweite Gesicht

Blitz Verlag, Windeck, 2012
Reihe: Kai Meyer 1
Gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978–3–89840–349–8
576 Seiten, 24,95 EUR
Covermotiv von Mark Freier

Berlin 1922: Chiara Mondschein kommt aus dem provinziellen Meißen nach Berlin, um der Beerdi-gung ihrer Schwester Jula beizuwohnen. Nachdem Jula Meißen verlassen hatte, wurde sie in Berlin ein gefeierter Stummfilmstar. Aufgrund ihrer große Ähnlichkeit mit Jula bittet deren Gönner, der Regisseur Felix Masken, Chiara, für ihre Schwester als Darstellerin einzuspringen, um die begonnene Filmadaption von Edgar Allan Poes „Der Untergang des Hauses Usher“ fertig stellen zu können. Nach anfänglichem Zögern willigt Chiara ein und macht damit den ersten Schritt in die dekadente und gefährliche Welt eines undurchschaubaren Zirkels. Ohne viel Zutun ihrerseits taucht Chiara nach und nach in eine abgründige Welt aus Spiritismus, Drogen, Sex und Tod ein. Es scheint ihr Schicksal zu sein, in allen Belangen die Stelle ihrer toten Schwester einzuneh-men und deren Leben weiter zu führen. Bis sie sich die Frage stellen muss: „Bin ich wirklich noch ich selbst?“

„Ich habe ihre Augen gefilmt“ sagte er, die Stimme ge-senkt. „Sehr groß, leinwandfüllend. Keiner vor mir hat das getan. Und was ich darin fand … ich weiß nicht, wie ich das beschreiben soll. Es war nichts, dass irgendwer hätte sehen wollen. Als blickten einem all die eigenen Laster entgegen, auch die, von denen man selbst nichts wissen will, Dinge, die man vielleicht unterdrückt oder totschweigt. Ich habe eine Gänsehaut bekommen, als ich diese Augen auf der Leinwand sah.“

In DAS ZWEITE GESICHT, das der Autor selbst als einen seiner Lieblingsromane bezeichnet, verwebt Kai Meyer die phantastischen Motive der 1920er Jahre und vor allem des deutschen Stummfilms zu einem detailreichen phantastischen Film Noir in Buchform. Der Leser begleitet Chiara Mondschein, die das Schicksal ihrer Schwester aufklären will, gleichzeitig aber immer mehr deren Rolle übernimmt und damit immer tiefer in ein Umfeld des Okkultismus und der Dekadenz eintaucht. Neben Reminiszenzen an NOSFERATU, DAS KABINETT DES DR. CALIGARI und DER GOLEM kommt hier vor allem das Doppelgänger Motiv zum Tragen. So ist Kai Meyer ein akkurat durchkomponierter Roman gelungen, der sich bekannter phantastischer Motive bedient, diese allerdings ganz und gar in den Dienst seiner eigenen Geschichte stellt.
Bei seiner Erstveröffentlichung im Jahr 2002 im Heyne Verlag war der Roman ein Verkaufsflop. Zu sehr war der Name Kai Meyer nach dem Megaerfolg DIE FLIESSENDE KÖNIGIN bereits mit Jugendliteratur verbunden. Die bibliophile Hardcover–Neuauflage im Blitz Verlag enthält außer der überarbeiteten Romanversion noch umfangreiches Zusatzmaterial von Lektorin Hanka Jobke, das unter anderem einen interessanten Blick auf die verschiedenen Entstehungsstufen des Romans erlaubt.
Kai Meier hätte nach eigener Aussage schon immer gerne Phantastik geschrieben, lieferte aber zunächst zwei Krimis ab, um einen Fuß in die Verlagstüren zu bekommen, bevor er auf historische Romane umschwenkte. Dort hatte er schließlich Gelegenheit, phantastische Motive in seine Geschichten einfließen zu lassen, solange die Romane noch immer unter dem Genrelabel Historienroman verkauft werden konnten (z.B. der Gebrüder Grimm–Roman DIE GEISTERSEHER). Mit der immens erfolgreichen Merle–Trilogie (DIE FLIESSENDE KÖNIGIN, DAS STEINERNE LICHT, DAS GLÄSERNE WORT), die bisher in rund 20 Sprachen übersetzt wurde, schrieb sich Kai Meyer schließlich in die A–Liga der deutschen Phantastik–Autoren, gleichzeitig hängt ihm aber hartnäckig das Label Jugendfantasy an. Teilweise zu Unrecht, denn seine Geschichten weisen, auch wenn die Protagonisten oft Jugendliche sind, eine angenehm ernsthafte Düsternis auf.
Kai Meyers Bibliographie weist inzwischen über 50 Romane auf, von denen einige auch auf andere Medien (Comic, Film, Hörspiel/–buch) übertragen wurden.
http://www.kaimeyer.com/

Die fünf Romane, die seit 2008 mit dem VINCENT PREIS als jeweils Bester Horrorroman des Jahres ausgezeichnet wurden, decken also ein– sowohl im Inhalt als auch in der Form – überraschend weites Spektrum der düster–phantastischen Literatur ab. Während die ersten beiden Preisträger Andreas Gruber und Tobias Bachmann lange im Fandom bekannt und beliebt sind und auch die Themen ihrer ausgezeichneten Werke eine verlässliche Bank darstellen, zeigt schon 2010 die Auszeichnung von Harald A. Weissens Debütroman, dass die Horrorfans weniger eingefahren sind, als es die landläufige Meinung behauptet und Experimenten durchaus offen gegenüberstehen. Auch das düster–pessimistische TOTENMAAR aus 2011, das in seiner bedrücken-den Stimmung der Dekadenzliteratur der vorletzten Jahrhundertwende nahe steht, straft diejenigen Lügen, die in Horrorfans gerne nur tumbe Gorehounds und Zombiegroupies sehen. Dass der Autor des Besten Romans 2012 Kai Meyer – der mit Abstand populärste Autor unter den Preisträgern – heißt, beweist schließlich, dass bekannte Publikumsautoren keineswegs bewusst gemieden werden.
Damit bestätigen die bisher ausgezeichneten Roma-ne auf überzeugende Art und Weise die grundsätzli-che Intention des Vincent Preises: Die große Bandbreite und die Qualität deutscher Horrorgeschichten aufzuzeigen, zu würdigen und dem Horror Made in Germany eine unabhängige Stimme zu geben.

Dieser Artikel ist auch erschienen in ZWIELICHT 4.Zwielicht 4 Entwurf

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