Jean-Christophe Grangé: Der Ursprung des Bösen

Originaltitel: Le PassagerUrsprung
Lübbe Audio, Köln, 10.08.2012
Download, ungekürzt, Psychothriller, 1281 Min., 34,95 EUR
Gelesen von Dietmar Wunder
Aus dem Französischen von Ulrike Werner-Richter

http://www.luebbe.de

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„Er war wie eine dieser russischen Puppen. Wenn man die erste öffnete fand man eine kleinere und so weiter bis hin zur allerkleinsten. Und nur diese existierte wirklich.“

STORY

Mitten in der Nacht wird Mathias Freire, der Bereitschaftsarzt der psychiatrischen Klinik Bordeaux, von einem Anruf der Polizei aus seinem kurzen Erholungsschlaf gerissen. Am Bahnhof Saint Jean wurde ein Obdachloser aufgegriffen. Da der Mann offenbar unter Amnesie leidet, wird er an Freire überstellt. Während dieser versucht, mehr über den Unbekannten herauszufinden, wird in einem Wartungsschacht des Bahnhofs die Leiche eines Junkies aufgefunden, über dessen Kopf der ausgehöhlte Schädel eines Kampfstiers gestülpt wurde. Tatverdächtig ist der Obdachlose. Die junge Hauptkommissarin Anaïs Chatelet bearbeitet den spektakulären Fall und gerät über den Verdächtigen in Kontakt mit Freire. Was dieser über den Obdachlosen herausfindet bringt einige Ungereimtheiten an den Tag, denen er nachgeht und so in tödliche Gefahr gerät. Währenddessen findet die Polizei Freires Fingerabdrücke am Fundort des „Minotaurus“. In dem Psychiater wächst ein erschreckender Verdacht, dem er – gejagt von Anaïs Chatelet – auf eigene Faust nachgehen muss.

„Draußen verhüllte der Nebel Palmen und Laternen im Hof wie mit großen Segeln eines Geisterschiffs. Freire musst an Christo denken, der den Pont-Neuf und den Berliner Reichstag verpackt hatte. Ihm kam eine merkwürdige Idee. Wenn es nun der nebelhafte Geist eines Mannes ohne Gedächtnis war, der die Klinik und die ganze Stadt einhüllte? Bordeaux befand sich vielleicht unter der Dunstglocke dieses Reisenden im Nebel.“

MEINUNG

Wie Mathias Freire verliert auch der Leser in Jean-Christophe Grangés abgründigem Thriller nach der recht konventionellen Exposition schon bald den vermeintlich sicheren Boden unter den Füßen. Verschiedene Indizien deuten darauf hin, dass der Arzt selbst psychisch krank sein könnte und Mathias Freire nur seine aktuelle Inkarnation in einer ganzen Reihe von Persönlichkeiten darstellt – das Symbol der Matroschka taucht wiederholt auf. Er selbst könnte damit der Mörder des „Minotaurus“ sein, ohne dass er sich daran erinnern kann. Verfolgt von Kommissarin Anaïs Chatelet und den Mitarbeitern einer dubiosen Sicherheitsfirma wird Freire zu einem Flüchtigen auf der Suche nach sich selbst. Eine Suche, die ihn durch ganz Frankreich und durch verschiedene Inkarnationen seiner selbst führt. Jeder Hinweis, den er findet ist ein Puzzleteil in einem großen Bild und gleichzeitig der Fingerzeig auf weitere Rätsel, die es zu lösen gilt. Über Monate hinweg lebt Freire sein Leben rückwärts und stößt dabei auf weitere inszenierte Morde, die von der griechischen Mythologie inspiriert wurden. Anaïs Chatelet glaubt indes nicht an die eindeutige Schuld Freires. Sie folgt seinen Spuren, die sie schließlich selbst bis über die Grenzen der Legalität hinaus führen.

Der Spießrutenlauf zu der der verfolgte Freire gezwungen wird, erinnert an die ähnlich gestrickten Schnitzjagd-Thriller von Sebastian Fitzek. Wo dieser seine Geschichten jedoch oft mit Humor bricht, bleibt Grangé ernst und peitscht seinen Protagonisten unbarmherzig einem Abgrund entgegen, ohne dass dieser eine Möglichkeit hat, dem drohenden Absturz zu entgehen. Und obwohl die komplexe Geschichte unzählige Möglichkeiten bietet auszubrechen, hält er die Story auch bei hohem Tempo souverän auf Spur und steuert erbarmungslos auf das Grande Finale zu, das am Ende den Kreis schließt und die Geschichte in sich stimmig macht. Somit reiht sich DER URSPRUNG DES BÖSEN nahtlos in die Liste der hervorragenden Grangé-Romane – von DER FLUG DER STÖRCHE über DAS SCHWARZE BLUT und DIE PURPURNEN FLÜSSE – ein, die die Bezeichnung Psycho-Thriller wirklich verdienen. Dabei bildet die kraftvolle Sprache des Franzosen mit ihren oft poetischen Metaphern eine willkommene Abwechslung zu den eher sachlich heruntergeschriebenen Thrillern deutscher Autoren. Für die Umsetzung hat sich der Autor zusätzlich entschieden, die Geschichte aus den wechselnden Perspektiven von Mathias Freire (resp. seiner anderen Persönlichkeiten) und von Anaïs Chatelet zu erzählen. Immer wieder nähern sich diese Erzählstränge aneinander an, berühren sich gar und entfernen sich wieder voneinander. Ein weiterer Grund, warum dieser Thriller auch über eine Laufzeit von über 20h (!) (Hörbuchversion) nicht langweilig wird.

DAS HÖRBUCH

Die vorliegende ungekürzte Version ist exklusiv zum Download erhältlich und wird sehr angenehm von Daniel Craig-Synchronsprecher Dietmar Wunder gelesen. Trotz aller Qualitäten von Hr. Wunders Vortrag ist es jedoch schade, dass für die ungekürzte Version nicht auch – wie bei der (massiv gekürzten) CD-Version – auf die abwechselnde Lesung mit Co-Leserin Nicole Engeln (für die Anaïs Chatelet-Teile) gesetzt wurde.

FAZIT

Kraftvoller Thriller, der sich mit Vollgas auf einen Abgrund zubewegt und es dabei schafft, seinen Leser/Hörer immer wieder aufs Neue zu verblüffen.

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