Carsten Fehse: Der Tag, an dem man die Sonne stahl (1 von 2)

12_0Reihe: Schrei der Angst 8
Marctropolis, Braunschweig, 12. Dezember 2014
Download, Thriller, ca. 92 Min.,
Platform: Audible.de / marctropolis-shop.de
Studios: Klangkosmonauten / Marctropolis
Sound und Musik: De Sound / Dennis Schuster
Buch: Carsten Fehse

Regie: Marc Fehse
Sprecher: Detlef Bierstedt, Harald Dietl, Dietmar Wunder, Dustin Semmelrogge, Thomas Morris, Michaela Schaffrath, Andreas Werth, Astrid Straßburger, René Oltmanns, Tatjana Auster, Lisa Cardinale
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“Es ist genau wie vor 15 Jahre. Strahlend blauer Himmel, flirrende Hitze, das Gefühl als koche der Asphalt. […] Dann, ohne Vorwarnung fällt das Thermometer. Erst unmerklich, schließlich um über 15° nach unten. Die Luft steht still. Eine schwarze Wand zieht von Osten auf. […] Hagelkörner schlagen ein, erst ein paar. Der Himmel ist tiefschwarz. Blitze zucken. Menschen bringen sich in Sicherheit. Und in all diesem Chaos schlägt er zu. Unbemerkt. Präzise.“

STORY
Nach einen heftigen Gewitter, das das Ende einer erbarmungslosen Hitzewelle markiert, wird auf dem Schlossplatz in Braunschweig die nahezu geköpfte Leiche einer jungen Frau aufgefunden. Hauptkommissar Michael Wendhaus (Dustin Semmelrogge) ist sofort elektrisiert, denn der Mord weist eindeutige Parallelen zu einem 15 Jahre alten Fall auf, der ihn nie losgelassen hat und über dem seine Ehe und seine Karriere zerbrochen sind. Damals wurde Mareike, eine Kommilitonin von ihm und Alexander Helweg (Detlef Bierstedt), heute erfolgreicher Leiter eines eigenen DNA-Analyselabors in Berlin, auf die gleiche Art und unter ganz ähnlichen Wetterbedingungen ermordet. Sofort ruft Wendhaus seinen Kumpel Helweg zu dem Fall hinzu, der die Ähnlichkeiten zunächst als Zufall abtut. Sein schlechtes Gewissen drängt ihn jedoch, die Akte, die sein Freund akribisch genau über den vermeintlichen Serienkiller namens „Frank“ (ein Name aus dem Tagebuch des ersten Opfers) zusammengestellt hat, durchzusehen. Laut Wendhaus Theorie hat der Mörder noch weit mehr Opfer auf dem Gewissen als nur Mareike und die aktuelle Tote, alle mit durchschnittener Kehlt und ausgeblutet. Mit neu erwachten Zweifeln an der Zufälligkeit der Taten nimmt auch Helweg die Nachforschungen wieder auf. In parallelen Ermittlungen gelingt es den Freunden neue Hinweise zutage zu fördern, die unter anderem in eine psychiatrische Klinik am Elm führen, wo das erste Opfer des Killers vor 25 Jahren gemeinsam mit einem gewissen Frank eingesessen hat.

„Er war elf, vielleicht zwölf, als man ihn zum ersten Mal in die Kinder- und Jugendpsychiatrie einwies. […] Bernhard empfand die Klinik als einen Ort des Friedens. Unter seinesgleichen war er nicht mehr alleine der Freak, der Spasti mit dem Messer. Hier war er einfach Bernhard. Das gefiel ihm, und noch mehr gefiel ihm Dörte. Dörte war ein Jahr älter und liebte es, wenn andere ihr Schmerzen zufügten.“

MEINUNG
Die Inhaltsbeschreibung macht schon deutlich, dass DER TAG, AN DEM MAN DIE SONNE STAHL das Serienkiller-Genre nicht neu erfindet. Doch was Marctropolis hier abliefert ist schlicht beste Thrillerunterhaltung für die Ohren. Bereits mit ihrem Erstling FEEDER, der schließlich insgesamt sechs Folgen umfasste, haben die Braunschweiger mit ihrer kompromisslosen Herangehensweise eine Welle neuer Impulse durch die Hörspielszene geschickt. Nicht nur weil die Story des „Fütterers“ so souverän, kraftvoll und ungewöhnlich brutal erzählt wurde sondern auch, weil die Produktionswerte gestimmt haben und man von Beginn an namhafte Sprecher an Bord hatte. Gleiches ist auch bei der aktuellen SCHREI DER ANGST-Folge der Fall. Der Name Detlef Bierstedt (Synchronstimme von George Clooney) als Skeptiker Axel Helweg spricht für sich. Sein Kumpel Michael Wendhaus wird sehr gut von Dustin Semmelroggge gesprochen, der das schnoddrige Timbre seines Vaters Martin Semmelrogge geerbt hat und damit den überlegten Duktus von Bierstedt großartig kontrastiert. Das passt zwar nicht ganz zu der Figurenbeschreibung (Bauchansatz, lichtes Haar), doch das sind Kleinigkeiten, die nicht weiter ins Gewicht fallen. Flankiert werden die beiden von ebenfalls namhaften KollegInnen wie Dietmar Wunder (Synchro von Daniel Craig), die Schauspielerin Michaela Schaffrath und Astrid Straßburger, Andreas Werth, René Oltmanns, Tatjana Auster und Lisa Cardinale, einige davon in Doppelrollen. Erwähnenswert ist unbedingt auch Thomas Morris, der den Killer zumindest stimmlich ganz sympathisch darstellt, doch in den entsprechenden Szenen ordentlich aufdreht.

Der zweite Akt hält allerdings gleich eine Überraschung parat, indem nämlich hier bereits der Mörder präsentiert wird, der zuhause unter der Knute seiner wesentlich älteren Ehefrau steht und sexuelle Erregung nur noch spürt, wenn er seine jungen Opfer ausspäht, verfolgt und tötet um dann wie Sigfried im „Blut des Drachens“ zu baden. Eine Störung, die ihren Ursprung in seinen ersten sexuellen Erlebnissen hat, als er mit Dörte, einer Mitpatienten in der Jugendpsychiatrie, erste befriedigende Erfahrungen mithilfe einer Kombination aus Sex und Blut gemacht hat.

Der Hörer bekommt also keine blinde Jagd nach einem anonymen Killer geboten sondern folgt zwei Handlungssträngen. Dabei springt die Erzählung in beiden Fällen an geeigneten Stellen immer wieder in die Vergangenheit, um sehr gut nachvollziehbar die Stimuli der Figuren zu verdeutlichen. So schleicht sich beim Hörer fast ein Anflug von Verständnis für die Taten des Killers ein.

Autor Carsten Fehse hat hier eine hervorragend dichtes Buch abgeliefert, die sich ausreichend Zeit für die Charaktere auf beiden Seiten nimmt, die Handlungsmotivationen der Figuren sehr gut herausarbeitet und das auch als Roman gut funktionieren würde. Regisseur und Produzent Marc Fehse hat die Vorlage seines Bruders als Mischung aus Hörspiel und Hörbuch realisiert. Klassische Hörspielszenen – die Interaktion zweier Sprecher – wechseln sich ab mit Erzählpassagen, die ebenfalls Detlef Bierstedt bestreitet. Unterstützt wird diese angenehme Mischerzählform von dem fantastischen Sounddesign von Dennis Schuster – jedes Mal, wenn „Siegfried“ nach einem weiteren Blutbad verlangt, ist ein verzerrter Schrei zu hören, der sich aus der Stille hochschraubt – und einer klaustrophobischen Musikuntermalung, die überwiegend aus elektronischen Percussions und einem gestrichenen Bass besteht.

Bei aller Perfektion haben sich doch einige Flüchtigkeitsfehler eingeschlichen. Michael Wendhaus wird in den Stabangaben als Wendland geführt, das Opfer Mareike heißt zu Anfang Schröder, später Schmidt (ohne Hochzeit). Die persönliche Ansprache von Alexander Helweg als Axel ist zwar theoretisch o.k., verwirrt aber. Diese kleinen Lapsus werden durch die sympathische Art wieder wettgemacht, mit der Marctropolis sich an einigen Stellen selbst auf die Schippe nimmt.

FAZIT
Großartiges Thriller-Hörspiel. Hochwertig, souverän und mit einer guten Handvoll prominenter SprecherInnen produziert. So fällt das Warten auf Teil 2 äußerst schwer.

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