Robert E. Howard, Scott Hampton: Tauben der Hölle

Feest Graphic Novel 3Tauben der Hölle
Originaltitel: Pigeons from Hell
Eclipse Books, USA, 1988
Feest USA, Stuttgart, 1992
Softcover, Horror, ISBN: 978-3928108218, 64 Seiten, Coverpreis:
Text und Zeichnungen: Scott Hampton
Nach einer Geschichte von Robert E. Howard

Mit einem Vorwort von Ramsey Campbell

 „Griswell erwachte plötzlich; Jeder Nerv bebte im Vorgefühl einer drohenden Gefahr.
Er blickte sich verstört um, wusste zuerst nicht, wo er war und was er dort tat. Mondlicht sickerte durch staubige Fensterscheiben. Das große leere Zimmer mit der hohen Decke und dem schwarz gähnenden Kamin war gespenstisch und fremd.
Dann, als die zähen Spinnweben des Schlafs von ihm abfielen, fiel ihm wieder ein, wer er war und wie er hergekommen war.“

STORY

Auf der Suche nach einem geeigneten Urlaubsort stoßen die beiden Freunde Griswell und Branner inmitten von dichten Kiefernwäldern unvermittelt auf das verlassene, ehemals herrschaftliche Blassenville-Anwesen. Trotz seiner Verwahrlosung weckt das Haus sofort die Begeisterung der beiden Architekten und sie beschließen, ihr Nachtlager in dem entlegenen Gebäude aufzuschlagen. Von einem Alptraum geplagt erwacht Griswell mitten in der Nacht und er glaubt in den Schatten der nach oben führenden Treppe ein Gesicht zu erkennen, das ihn beobachtet. Als aus dem oberen Stockwerk dann ein Pfeifen erklingt, erhebt sich der noch immer schlafende Branner von seinem Lager und folgt dem Geräusch wie in Trance die Treppe hinauf, um kurz darauf mit einer tödlichen Kopfwunde und einem blutigen Beil in der Hand zurück zu kehren. Von Grauen gepackt flieht Griswell aus dem Haus und läuft dabei dem örtlichen Sheriff in die Arme. Gemeinsam kehren die Männer in das Haus zurück, wo sie Banners leblose Leiche vorfinden. Für Sheriff Buckner gilt zunächst Griswell als tatverdächtig doch ausgerechnet die verstörende Schilderung der Ereignisse, verbunden mit der unheilvollen Geschichte des Anwesens, wecken seine Zweifel. Nachdem die nächtliche Suche keinen Erfolg bringt, verschiebt Bruckner weitere Nachforschungen auf den nächsten Morgen. Doch bei Sonnenaufgang sind alle brauchbaren Spuren verschwunden. Gemeinsam statten Bruckner und Griswell dem altem Jacob einen Besuch ab, der ihnen die schreckliche Geschichte der Familie Blassenville erzählen kann.

„Er rannte, wie wahnsinnig stolpernd, über eine unglaublich abschüssige Straße. Alles um ihn herum war finster, und er rannte blindlings drauflos, verschwommen wurde ihm klar, dass er aus dem Haus gestürzt sein musste und vielleicht schon Meilen geflohen war, ehe sein überreiztes Gehirn zu arbeiten begann. Alles war ihm egal; am Galgen zu sterben für ein nicht begangenes Verbrechen, erschreckte ihn nicht halb so sehr wie der Gedanke, in dieses Haus des Schreckens zurückzukehren.“

MEINUNG

Außer seinen bildgewaltigen Fantasygeschichten, allen voran jene von Conan der Cimerier, für die Howard auch heute noch hauptsächlich bekannt ist, hat der Texaner auch eine Reihe von atmosphärischen Horrorgeschichten geschrieben, die im Süden der USA angesiedelt sind. TAUBEN (AUS) DER HÖLLE dürfte die bekannteste dieser „Southern Gothic Tales“ sein, die sogar Stephen King in DANSE MACABRE zu einer der besten Horrorgeschichten des 20. Jahrhunderts erklärt hat.

Der Aufbau der Geschichte lässt sich grob in vier Akte einteilen, wobei ein Großteil des dritten Aktes vom einer Erzählung bestritten wird, die Aufschluss über die Historie des Blassenville-Anwesens und damit über den Auslöser der anfänglichen Ereignisse bietet. (Der Künstler Scott Hampton unterstreicht dies noch, indem er die Comicadaption tatsächlich in vier Kapitel aufteilt.) So erinnert TAUBEN AUS DER HÖLLE, ungeachtet des ungleichen Sujets, technisch gesehen frappierend an Lovecrafts SCHATTEN ÜBER INNSMOUTH, das bereits 1931 – drei Jahre vor Howards Geschichte – entstand, allerdings erst 1936 veröffentlicht wurde. Mit Recht stellt Ramsey Campbell in seinem Vorwort die Frage, ob dies als ein Versuch Howards angesehen werden kann, „Lovecraft an Schrecken zu übertreffen“. In jedem Fall muss selbst aus heutiger Sicht konstatiert werden, dass es sich bei TAUBEN DER HÖLLE um eine perfekt ausbalancierte Horrorgeschichte handelt, in der Howard eine nahezu klassische Gespenstergeschichte mit dem Voodoo- Zombie-Okkultismus der amerikanischen Südstaaten verbindet und diese – seiner Zeit voraus – mit ein-zwei Prisen Splatter abschmeckt. So darf TAUBEN DER HÖLLE als mustergültiges Beispiel dafür gelten, dass eine unheilvolle Atmosphäre und blutige Gewalt (in Maßen) sehr gut nebeneinander bestehen können.

Auch handwerklich muss man Howard hier ein selten exemplarisches Geschick bescheinigen. Mit dem Auftauchen des Branner-Zombies setzt er bereits kurz nach Beginn der Erzählung eine grauenhafte Spitze, in deren Anschluss er es schafft, die teils sogar fiebrige Spannung bis zum finalen Höhepunkt nahezu konstant zu halten. In der Tat vermittelt TAUBEN DER HÖLLE, auch in der vorliegenden Comicform, den vielzitierten „brütenden Schrecken und drohende Verdammnis“, sowie die „Empfindung von Furcht und grausiger Spannung“, die Howards Horrorgeschichten laut H. P. Lovecraft auszeichnet.

Als Protagonisten, die unfreiwillig zu den Aufklärern des Spuks werden, benutzt Howard die äußert gegensätzlichen Griswell, den Kopfmensch, der von dem erfahrenen Grauen schlicht ohne denkbare Gegenwehr überspült wird, und Bruckner, den pragmatischen Mann der Tat, der dem typischen Heldentypus Howards entspricht. Das Duo funktioniert ausgesprochen gut und der Leser kann sich quasi, je nach Naturell, einen der beiden Männer als Identifikationsfigur aussuchen.

Die titelgebenden Tauben, die sich bei Griswells uns Branners Ankunft von der Veranda des Blassenville-Anwesens erheben, sind nach der Legende übrigens „die Blassenvilles, die bei Anbruch der Nacht aus der Hölle entlassen werden“.

Laut des Klappentextes war die Adaption von Howards TAUBEN DER HÖLLE für Scott Hampton (BATMAN: EIN SCHREIEN IN DER NACHT, SANDMAN, HELLRAISER) eine Herzensangelegenheit, an der er zwei Jahre lang gearbeitet hat.

Die Nähe zum Original wird durch die großzügige Verwendung von Off-Texten (mit dem Originaltext der Kurzgeschichte) deutlich, die über weite Strecken „lediglich“ von Hamptons Bildern illustriert werden. zeigt. Der Einsatz comictypischer Sprechblasendialoge erfolgt erst mit dem Auftauchen von Sheriff Bruckner.

Mit seinen stimmungsvollen und plastischen Bildern ist Harvey-Award Preisträger Scott Hampton eine optische Entsprechung von Howards Geschichte gelungen. Perfekt ist das düstere Spiel von (Mond)Licht und Schatten eingefangen sowie die überzeugende Illustration von Griswells Panik und Verzweiflung.

Der Band wurde 1992 als Band 3 der Reihe „Feest Graphic Novel“ unter dem Label „Feest USA“ veröffentlicht, in dem recht wahllos Übersetzungen amerikanischer Comiceinzelbände erschienen sind. Nachdem Egmont Ehapa 1991 den Rainer Feest Verlag aufgekauft hatte, fungierte der Name Feest einige Zeit als Experimentierlabel des Kölner Großverlags, bevor dort Egmonts erste Mangaveröffentlichungen liefen und das Label schließlich zu „Egmont Manga und Anime“ (EMA) umbenannt wurde. Der Band wurde laut Coverpreis für 16,80 DM verkauft und sollte antiquarisch noch problemlos und günstig zu erhalten sein. Die amerikanische Originalausgabe stammt aus dem Jahr 1988.

Die zugrunde liegende Kurzgeschichte kann aktuell unter dem Titel DIE HÖLLENTAUBEN nachgelesen werden in DER SCHWARZE HUND DES TODES (Festa Verlag, Leipzig, Juni 2013).

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