Jörg Karweick: Rönum

Rönum_NEUO’Connell Press, Weingarten, 04. Februar 2015
Taschenbuch, Mystery/Regionalthriller, ISBN: 978-3-945227-17-6, 192 Seiten, 8,90 EUR
Covergestaltung: O’Connell Press
Covermotiv: szefei/Shutterstock.com

http://oconnellpress.de/

www.shutterstock.com

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„Die Elemente spielten verrückt, Menschen verschwanden, Schafe verloren den Verstand, und man durfte nicht darüber reden, als wenn es das Reden darüber wäre, das das Gleichgewicht zerstörte. Und über allem wachte das Blinklicht des Leuchtturms, von dem es kein Bild gab, ein Licht, das tief in die Menschen hier eindrang, jede Nacht, jetzt sogar am Tag, und einen Rhythmus vorgab, dreimal alle fünfzehn Sekunden. Das ganze Leben lang.“

STORY

Seltsame Dinge geschehen in der kleinen Ortschaft Rönum an der Nordsee. Nebel zieht ohne erkennbare Ursache auf, die Schafe, die am Deich grasen, spielen verrückt und auch die Menschen verhalten sich immer merkwürdiger. Und über allen thront wie ein Wächter der massive Leuchtturm, von dem im Ort keine einzige Abbildung existiert und der doch mit stoischer Gleichmäßigkeit seine Lichtfinger über die Landschaft, die Tiere und die Menschen streifen lässt.

Nach Jahren der Abwesenheit kehrt Rodach hierher zurück, an den Ort, an dem er seine Kindheit verbracht hat und wird damit unversehens in diese Strömung seltsamer Ereignisse gerissen.

„Niemand hatte mit Nebel gerechnet. Er war auch nicht vorhergesagt. Ein Hochsommertag,, ein lauer Abend – und mit eine Mal kam er aus dem Boden gekrochen, an den Grashalmen hoch, breitete sich in der Dunkelheit aus und hatte Rönskoog fest im Griff. […] Immer mehr Feuchtigkeit stieg aus diesem Boden, gleichmäßig, Tropfen für Tropfen. Einer klebte an dem anderen, sie bildeten ein Netz, verfolgten einen Plan.“

MEINUNG

Recht harmlos beginnt der Roman damit, dass eine Urlauberin am Nordseestrand von Rönum eine Leiche entdeckt. Der Anfang eines handelsüblichen Regionalkrimis, sollte man meinen. Kurz darauf macht Autor Jörg Karweick den Leser mit Rodacher (ohne Vornamen) bekannt, der nach Jahren der Abwesenheit nach Rönskoog zurückgekehrt ist, um das Reisebüro seiner vertorbenen Eltern weiter zu führen. Hier wacht er seit seiner Kindheit zum ersten Mal wieder mitten in der Nacht verstört im Kleiderschrank auf. Zeitglich erhält Maria Feinworth, Rodachers Angestellte im Reisebüro, einen Anruf ihrer Schwester, die ihr mitteilt, dass ihr toter Vater bei ihr auf dem Balkon steht. Offenbar ist RÖNUM doch nicht der abgeschmackte Regionalkrimi, den Jörg Karweick seinen Lesern auf den ersten Seiten vorgaukelt.

„Zwischen Stephen King und TWIN PEAKS“ wirbt das Cover und zumindest der Verweis auf David Lynchs Kultserie kann, mit Blick auf die Charaktere und das offensichtliche aber unausgesprochene Geheimnis um Rönum, getrost unterschrieben werden; was die literarischen Vergleichbarkeiten angeht, so sei RÖNUM vor allem den Fans von Stefan Melneczuk und Uwe Voehl ans Herz gelegt.

Die Handlung des Romans bewegt sich zeitlich zwischen dem 25. August, 21:35 Uhr und 27. August, 07:00 Uhr, wobei der Autor die Handlung nicht in der zeitlichen Abfolge erzählt. Er springt relativ wild zwischen Uhrzeiten, Schauplätzen und auch Personen, so dass sich erst nach und nach – und teils auch nach gelegentlichem zurückblättern – ein fortlaufendes Bild der bizarren Ereignisse ergibt. Darüber baut Jörg Karweick eine durchgehend drückend-schwüle (des Nachts auch mal feucht-kalte) Atmosphäre auf, die augenscheinlich das klare Denken der Protagonisten lähmt, so dass die Menschen zu nahezu handlungsunfähigen Beobachtern der Ereignisse werden.

Als kleine Warnung an die Rationalisten sei gesagt, das nicht aufgeklärt wird, was hier eigentlich passiert und warum. Vielmehr folgt Rönum einer Art „Traumlogik“, die in sich wunderbar funktioniert, sich jedoch, sobald sie vom grellen Tageslicht der Vernunft erhellt wird, verflüchtigt wie Nebelschwaden in der Sonne.

Jörg Karweicks Schreibstil – Halbsätze, Adjektive, Stimmungen, aneinandergehängt in Sätzen mit vielen Kommas – sind nicht jedermanns Sache, wirkt jedoch der künstlichen Aufblähung entgegen, die eine stets korrekte Ausformulierung mit sich gebracht hätte. Mir persönlich hat das sehr gut gefallen. Mit dieser Visitenkarte ist Jörg Karweick ein Autor, den der geneigte Phantastikleser unbedingt im Auge behalten sollte.

Was die Aufmachung des Buches angeht, muss man leider einige Abstriche machen. Das grundsätzlich stimmungsvolle Coverfoto wurde recht lieblos und in gleich mehreren unpassenden Schriftarten unglücklich überkleistert. Auch das schmucklose Verlagslogo, das prominent oben links angebracht wurde, wirkt deplatziert. Hier sollte der Verlag noch einige Euros investieren. Immerhin geht es um den ersten Eindruck eines Buches. Auch der Schriftsatz ist verbesserungswürdig; in manchen Zeilen sind die Leerzeichen zwischen einzelnen Wörtern nur zu erahnen. Der komplette Textblock scheint außerdem nach oben verschoben zu sein; während die Kopfzeilen unschön am oberen Rand pappen, haben die Seiten unten noch relativ viel Luft. Sorry liebe Leute aber das gehört auch zu einem entspannten Leseerlebnis.

FAZIT

Hier eine Geistererscheinung im dichten Nebel, dort Schafe, die offenbar – sensibler als die Menschen – ihren Verstand verlieren und den Freitod (!) begehen und über allem thronend der wuchtige Leuchtturm, den einst Kaiser Wilhelm erbauen ließ und der eher an ein Wärter gemahnt, denn an ein gutmeinendes Warnsignal für Seefahrer.
Jörg Karweick liefert mit seinem Romanerstlich ein modernes, leicht experimentelles Nordsee-Schauerstück ab, das durchgehend seine unterschwellig-bedrohliche Aura halten kann. Absolut gelungen!

op-08

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