Neil Gaiman, Todd Klein: Die ganze Wahrheit über den Fall der verschwundenen Miss Finch

NEILGAIMANBIBLIOTHEKDIEGANZEWAHRHEITDCBERDENFALLDERVERSCHWUNDENENMISSFINCH_618Reihe: Neil Gaiman Bibliothek 3
Originaltitel: The facts in the case of the departure of Miss Finch
Dark Horse Comics, USA, 2008
Paninicimics, Stuttgart,20.
November 2010
Hardcover, Mystery/Phantastik, ISBN: 978-3-8667-889-5, 60 Seiten, 12,95 EUR
Zeichnungen von Michael Zulli
Covermotiv von Michael Zulli
Aus dem Englischen von Gerlinde Althoff

http://www.paninicomics.de

http://www.neilgaiman.com/

http://michaelzulli.blogspot.de/

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STORY

Ein amerikanischer Fantasy-Autor hält sich in London auf, um dort für eine englische Firma ein Filmdrehbuch fertig zu stellen. Er kommt nicht recht voran und ist für jede Ablenkung dankbar. Wie z.B. für die Einladung seiner Freunde Jonathan und Jane an diesem Abend in einen Zirkus und zum anschließenden Sushi essen. Die vierte Teilnehmerin an diesem Abend ist „Miss Finch“, eine anscheinend entfernte Verwandte von Jane, die diese offenbar eher den Regeln des Anstandes verpflichtet, denn aus Verbundenheit zu der Verabredung eingeladen hat. Der Zirkus mit Namen „Theater der nächtlichen Träume“ befindet sich in einem verzweigten Kellersystem; die Artisten dort sind als Punker, Nonnen, Stripper, Vampire, Monster und Untote verkleidet. Unter der Straßen der Stadt durchquert die Gesellschaft nun verschiedene Räume, die als Bühnen fungieren, wo immer neue, wunderliche Darbietungen auf die Besucher warten, jedoch verfehlen diese seltsamen Aufführungen mehr als einmal den guten Geschmack. Plötzlich wird Miss Finch von einer hünenhaften Gestalt regelrecht aus dem Publikum gerissen, angeblich als „Freiwillige“ für eine der folgenden Auftritte. Im letzten Raum treffen die Freunde ihre Begleiterin schließlich wieder. Hier ist Miss Finch nun die Königin des Dschungels, vor der sogar die anwesenden (ausgestorbenen) Säbelzahntiger Respekt haben. Nachdem der letzte Raum durchquert und die Vorstellung des „Theaters der nächtlichen Träume“ zu Ende ist, bleibt Miss Finch verschwunden und die drei Freunde treten den Weg ins Restaurant alleine an.

MEINUNG

Schon zu Beginn der Geschichte, der im Sushi-Restaurant spielt, macht Neil Gaiman bzw. Todd Klein, der Gaimans Kurzgeschichte in die Comicform übertragen hat, klar, dass kurz zuvor etwas ganz und gar Unerklärliches passiert ist, das die Anwesenden nicht fassen und einordnen können. Von einem Zirkus ist hier die Rede, davon, dass eine gewissen Miss Finch verschwunden sei und man wälzt den Gedanken, eine Vermisstenanzeige aufzugeben, doch würde ihnen niemand die Umstände von Miss Finchs Verschwinden abnehmen. Auch die Geschichte, die nun als Rückblende präsentiert wird, wird geschickt ausgebreitet. Ein Abend unter Freunden kündigt sich an, eine alltägliche, unbeschwerte Situation, solange bis besagte Miss Finch ins Spiel kommt, die keiner der drei so richtig kennt. Man erfährt nur von einer vagen Pflicht Janes ihr gegenüber, doch nie den Grund dieser Pflicht. So offenbart sich die hochgeschlossene Miss Finch bald als zugeknöpfte und spröde Spaßbremse, ungeübt in dieser gesellschaftlichen Situation, die damit merklich an Entspanntheit einbüßt. Auch die bizarren und teils derben Attraktionen des unterirdischen Zirkus tragen dazu bei, dass die Situation für die Protagonisten immer unvorhersehbarer, surrealer und angespannter wird. In der Dschungelwelt jedoch, wo Miss Finch nach ihrem unfreiwilligen Verschwinden wieder auftritt, zeigt sie sich vollkommen verändert. Stark, selbstsicher und ganz Herrscherin der Situation. Der Verdacht drängt sich auf, dass sie nun eine Trauminkarantion ihrer selbst aus ihren „nächtlichen Träumen“ ist. Gaiman deutet am Ende an, dass Miss Finch aus freien Stücken in dem geheimnisvollen Zirkus bleibt, wo sie für immer die Königin des Dschungels sein darf.

Unterm Strich ist die Geschichte relativ simpel gestrickt, was durchaus in der Intention des Autors liegen kann. Mit dem geschickten Aufbau, dem surrealen Setting und einer Art Botschaft, die am Ende auf den Leser wartet, beweist Gaiman einmal mehr seinen Status als Meister des magischen Realismus, der meist bizarr, doch ohne abschreckende Schockeffekte daherkommt. So bleibt die poetische Stimmung seiner Geschichten durchweg erhalten, bis der Leser am Ende aus diesen berauschenden Träumen wieder erwacht.

Mit Michale Zulli hat Todd Klein einen Künstler an der Hand, der bereits „Gaiman-geübt“ ist. Gemeinsam habe beide u.a. an ALICE COOPER: THE LAST TEMPTATION gearbeitet. Zulli hat außerdem viele weitere DC-Vertigo-Titel gezeichnet. Sein Stil ist weniger amerikanisch geprägt und erinnert vielmehr an südamerikanische Künstler, wie z.B. Oscar Chichoni, die er mit einem erheblich Anteil Poesie verknüpft.

Das Prosaoriginal der Geschichte ist enthalten in der britischen Ausgabe von Gaimans Geschichtensammlung SMOKE & MIRRORS. Die Betonung liegt auf „britischen Ausgebe“, denn in der deutschen Veröffentlichung, die 2001 unter dem Titel DIE MESSERKÖNIGIN bei Heyne erschienen ist, sucht man die Geschichte vergeblich.

FAZIT

Unaufdringliches und wunderbar poetisches Mystery-Märchen über die Macht der Träume und Wünsche.

Panini-Comics-logo

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