Quentin S. Crisp: Dunkle Gestade – Aufgesang

Dunkle Gestade - AufgesangReihe: Edgar Allan Poes phantastische Bibliothek 6, Herausgeber: Markus K. Korb
Blitz Verlag, Windeck, 2006
Pulp-Paperback, Horror/Phantastik/Kurzgeschichten, ISBN: 978-3-89840-926-1, 224 Seiten, 9,95 EUR
Seiten: 224 Pulp-Paperback
Aus dem Englischen von Eddie M. Angerhuber
Covermotiv, -gestaltung und Innengrafiken: Mark Freier

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http://chomupress.com/

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„Die Geschichte dieser Gegend scheint sonderbar mit Gespenstern verknüpft zu sein, und vielleicht sind es die Geister, durch die ich die passende Einführung finden kann.“
(Der Einsiedler)

STORY

Um an Dunklen Gestaden zu wandern musst du die Wahrheit hinter dir lassen und eintauchen in eine andere Realität. Du wirst Zeuge, wie Besucher aus anderen Sphären heimkehren und wie der Verfall sich wie ein lebendes Wesen ausbreitet. Du triffst fast vergessene Familienmitglieder wieder und eine Meerjungfrau macht dir ein Geschenk.

Cousin X

Die bevorstehende Ankunft von Cousin X scheint Sashas Eltern in einen verschwörerischen und ratlosen Zustand zu versetzen. Sasha fasst allerdings bald Vertrauen zu dem ruhigen, tagträumerischen Jungen, der seltsam suggestive Fähigkeiten zu haben scheint. Außerdem ist da noch sein Interesse, herauszufinden, „wie die Dinge funktionieren“.

Eine ungewöhnlich aufgebaute Geschichte, die ich, zumindest im ersten Teil, fast als literarisches Pendant zu Peter Jacksons HEAVENLY CREATURES bezeichnen möchte. Hier wie dort schaffen sich zwei Kinder/Jugendliche eine Phantasiewelt in der sie unbeschwert ihren Spielen nachgehen können, abgeschottet und geschützt vor den Erwachsenen. Der zweite Teil der Geschichte – Cousin X und Sasha treffen sich als Erwachsene auf einer Hochzeit wieder – besteht fast ausschließlich aus dem sich entspinnenden Dialog der beiden. Quentin Crisp bereitet damit gekonnt und leise das Feld für den finalen Schrecken.

Die Meerjungfrau

Zunächst eher durch deren erotische Komponente von Meerjungfrauen fasziniert, erliegt der Protagonist immer mehr diesem Mythos und wird bald zum besessenen Sammler und Spurensucher. Schließlich findet er eine echte Meerjungfrau am Strand, die er in sein Haus bringt und dort mit ihr in einer geschlechtslosen, „nichtexistenten Kindheitsliebe“ lebt. Eines Tages eröffnet ihm die Meerjungfrau, dass durch ein Ritual „der Schwanz einer Meerjungfrau in menschliche Beine und Sexualorgane umgewandelt werden kann“. Obsession und Verlangen gewinnen die Oberhand.

Quentin Crisp lässt sich mit dem Aufbau der Geschichte sehr viel Zeit. Er beschreibt schön die Steigerung der Obsession von unbestimmten voyeuristischen Neigungen über die Liebhaberei von Unterwäsche als Verhüllung der weiblichen Scham („Ich lernte, dass ich sie umso stimulierender fand, …wenn ich ganz bewusst vergaß, was dahintersteckte, und sie als echten Teil des weiblichen Körpers betrachtete“) hin zu bestimmten Kunstwerken („Der Künstler hat jedoch keine Behaarung abgebildet und nicht einmal die Andeutung einer weiblichen Scham“) und Photographien, die fast zwangsläufig weiter zur Glattheit einer Nixe führen. Dennoch herrscht kein sexuelles Verlangen, als die Meerjungfrau schließlich greifbar ist. Es entwickelt sich ein anfänglich zaghaftes gegenseitiges Unterrichten in Sprache und Lebensart bis die finale Verwandlung der Nixe zur Frau in einem Albtraum endet.

Verfall

Alle Versuche, den Verfall des kürzlich geerbten Haus aufzuhalten sind von Misserfolg gekrönt. Stets kehrt der Verfall nach kurzer Zeit wieder. Erst als der Hausbewohner sich ihm ergibt, wird der Verfall zu seinem Beschützer.

Moder, Schimmel, Verfall und Schmutz werden hier als leibhaftiges Lebewesen dargestellt, das seinen Platz in dem alten Haus nicht räumen will. Der Hausbewohner wird letztendlich ein Teil des Verfalls.

Der Einsiedler

Begonnen als eher widerwilliger, nachbarschaftlicher Gefallen, wird aus den Einkaufsdiensten für den Einsiedler auf dem Hügel schnell eine Regelmäßigkeit. Neugierig geworden, entdeckt der unfreiwillige Sozialdiener Bücher in einer fremden Schrift im Kühlschrank des Einsiedlers. Beim heimlichen Versuch, die Bücher zu lesen, muß der Eindringling feststellen, dass die Schrift und die Bücher zu leben scheinen und weit mehr beinhalten, als es den Anschein hat. Auch Der Einsiedler selbst ist weit mehr, als der zunächst vermutete verwirrte Exzentriker.

Die Story beginnt sehr stimmungsvoll und vielversprechend. Der Verlauf wird allerdings immer mystischer. Leider erfährt der Leser nichts weiter über die Figuren, so dass diese fremd bleiben und auch kein Identifikationspotenzial besteht.

Die Fleischfabrik        

Echtes Fleisch ist seit dem vernichtenden Krieg schwer zu bekommen. In einem Forschungszentrum, der Fleischfabrik, wird daher an der Entwicklung von künstlichen Fleisch gearbeitet. Tatsächlich gelingt es, sogenanntes Plastifleisch zu züchten. Allerdings entwickelt das Forschungsprodukt ein erschreckendes Eigenleben.

Die Geschichte beginnt recht vielversprechend mit Shauns Arbeitsantritt als Pfleger im Forschungszentrum. Zusammen mit ihm lernt der Leser die Personen und den Zweck der Einrichtung kennen. Leider erweist sich die Story als inkonsequent und, gegen Ende, ermüdend. Die vorgestellten Personen tauchen, bis auf eine halbherzige Ausnahme, nicht wieder auf und auch einige weitere Möglichkeiten der Geschichte versanden leider. Insgesamt eine Story, die Clive Barker-Fans ansprechen dürfte.

„Um ihn her lagen die Teile eines kleinen Kassettenrekorders im Gras verstreut. Der Kontrast zwischen dem ̧üppigen Gras und den spröden Maschinenteilen hatte etwas Faszinierendes. Es war nicht wirklich ein sinnlicher Reiz als vielmehr die Illusion, dass diese leblosen und künstlichen Bruchstücke im Garten wüchsen, was Gedanken und Gefühle wachrief, die anders waren als die, denen die Menschen Namen geben.“
(Cousin X)

MEINUNG

Mit DUNKLE GESTADE – AUFGESANG liegt die erste und bislang einzige deutsche Übersetzung von Geschichten dieses britischen Autors vor. Mit der unscharfen und surrealen Zwielichtstimmung, die in den Geschichten herrscht, wecken die Stücke Erinnerungen an die Erzählungen Thomas Ligottis. Einen nicht zu unterschätzenden Anteil daran dürfet jedoch auf das Konto von Übersetzerin Eddie M. Angerhuber gehen, die auch eine ganze Reihe Ligotti-Erzählungen ins Deutsche übertragen hat und auch selbst als Autorin einen surrealen Stil pflegt. Als Leser bewegt man sich eher in einem Phantasiereich, in das Eindrücke aus der real existierenden Welt eingeflochten sind, als umgekehrt. Ausnahme ist DIE FLEISCHFABRIK. Diese Story wirkt kühler und realer.

Crisps Protagonisten sind Einzelgänger, mit nur geringem, wenn nicht verächtlichem Interesse an ihren Mitmenschen und der Außenwelt. Und so wie seine Figuren geringschätzig auf ihre Umwelt blicken, verweigert sich Quentin S. Crisp – Absicht oder nicht – gängigen Erzählmustern. Die einsamen Figuren seiner Geschichten werden nicht unbedingt als Sympathieträger dargestellt. Dem Leser fällt es schwer, eine Beziehung zu den Personen aufzubauen. Teilweise werden eingeführte Personen einfach nicht weiter erwähnt. Auch die mitunter anfänglich eingeschlagene Richtung der Geschichten weist oftmals in die Irre, siehe DER EINSIEDLER die wie eine Gespenstergeschichte wie THE FOG-NEBEL DES GRAUENS beginnt und zu einem Besucher aus einer fremden Welt führt.

Die Erwartungen, die der gute und gewissenhafte Storyaufbau von COUSIN X und DIE MEERJUNGFRAU (als die beiden besten Geschichten hier) wecken, werden leider nicht ganz erfüllt. Das Ende ist in beiden Fällen zu platt und beliebig. VERFALL kann als interessante Stilübung gesehen werden. DER EINSIEDLER erweist sich nach anfänglicher Spannung als zu konfus und ohne befriedigendes Ende. DIE FLEISCHFABRIK wirkt insgesamt zu unausgereift, um zu überzeugen. Schade um die gute Prämisse. Eine gründliche Überarbeitung täte der Geschichte gut.

Der Titel der Sammlung – es handelt sich um eine Originalzusammenstellung – geht auf eine Zeile aus Edgar Allan Poes THE RAVEN zurück. Aus „Night’s Plutonian Shore“ wurde nach Übersetzung nicht „Plutos nächt‘ge Sphär“ sondern „Dunkle Gestade“ was ja auch die Stimmung sehr gut trifft. Der Untertitel „Aufgesang“ lässt vermuten, dass hier noch etwas zu erwarten ist. Angekündigt ist offiziell allerdings noch nichts.

Bei den meisten der Geschichten handelt es sich um frühe Werke von Quentin Crisp. DIE FLEISCHFABRIK (original: The Meat Factory) ist sogar eine Welterstveröffentlichung. Das vom Verlag angekündigte Vorwort von Mark Samuels (Autor von DIE WEISSEN HÄNDE, das im Blitz Verlag in derselben Reihe erschienen ist) ist nicht enthalten und leider fehlen die Originaltitel und Ersterscheinungsinfos der Geschichten.

Ansonsten ist dem Blitz-Verlag mal wieder eine (in diesem Preissegment) mustergültige Veröffentlichung gelungen, die das erste hellere Licht auf ein neues Talent unter den Phantastikautoren wirft.

DUNKLE GESTADE ist der sechste Band der Reihe EDGAR ALLAN POES PHANTASTISCHE BIBLIOTHEK unter der Herausgabe von Markus K. Korb. Gefertigt ist der Band als sogenanntes Pulp-Paperback, was bedeutet Paperbackformat und holzreiches Papier.

Das stimmige Covermotiv und die passenden Innenillustrationen zu jeder Geschichte stammen von Mark Freier, der bisher alle Bände der Reihe illustriert hat.

FAZIT

Qualitativ eher heterogene Sammlung von Frühwerken eines vielversprechenden britischen Phantastik-Talents.

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