Constantin Dupien (Hrsg.): Mängelexemplare: Haunted

constantin-dupien-hrsg-mc3a4ngelexemplare-hauntedReihe: Mängelexemplare 3
Amrûn Verlag, Traunstein, Mai 2015
Softcover/Klappenbroschur, Horror/Phantastik/Kurzgeschichten, ISBN: 978-3-95-869058-5, ca. 300 Seiten, 14,90 EUR
Covermotiv von Timo Kümmel
Innenillustrationen von Julia Takagi
Innenfotos: Constantin Dupien, Kevin Langer

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„Sein Vater hatte ihm mal erzählt, dass Holz sich tagsüber ausdehnt und in der Nacht zusemme zieht. Das ein ganz natürlich und davor brauche man sich nicht zu fürchten. Aber wenn einem das der Vater im heimischen Bett erzählte, war das eine andere Sache. Ganz anders verhielt es sich, wenn man alllein in einem Spukhaus saß, den Rücken an einem vernagelten Kellerabgang gelehnt, und das Knacken des Holzes in der Fantasie zu Schrutten von dürren Jungenbeinen auf den Dielen wurde. Oder war es das Knirschen von Fingernägeln, die verzweifelt über nasse Steine kratzten … wieder und immer wieder …?“
(Markus K.Korb – Die Wutprobe)

Markus K. Korb – Die Wutprobe
Unschöne Gerüchte ranken sich um das an sich ziemlich durchschnittliche Haus, vor dem Holger und Jens nun stehen. Gerüchte über ein behindertes, blindes Kind, das seine Eltern, beide Alkoholiker, im Keller eingesperrt und einfach vergessen hatten. Bis in den angrenzenden Brunneschacht soll es der Kleine geschafft haben, bevor er dort in abgestandenen Wasser, ertrunken sein soll, weil niemand seine Schreie gehört hat. Eine Stunde soll Holger nun hier ausharren, wenn er zu den Crashheads gehören will, ohne Licht und mit dem Rücken zur Kellertür. Die Dämmerung bricht herein und aus dem Keller dringen Schritte.

Stefanie Maucher – Die Witwe des Malers
Trotz anfänglicher rigoroser Ablehnung, ringt die Hartnäckigkeit, die ihre Pflegerin Clara an den Tag legt, Mrs. Marks einigen Respekt ab. Dass das schroffe und unhöfliche Benehmen der Witwe nur dazu dient, die junge Frau zu schützen, bemerkt diese zu spät, denn der verstorbene Henry Marks mag es nicht, wenn Fremde im Haus sind.

Vincent Voss – Die Geschichte von Jimmie Rocks letztem Album
Eher zufällig macht der Fotograf Allan die Bekanntschaft des aufstrebenden Punkrockers Jimmie Rock, ein respektloser Rotzbengel, den der schnelle Erfolg zu Kopf gestiegen ist. Doch Jimmy ändert sich, nachdem er eine Villa in Santa Barbara gekauft hat, wo Allan die Inlayfotos für Jimmies neues Album schießen soll. Die Zeit dort ist magisch. Jimmys Musik ist magisch und was Allan beim Entwickeln seiner Bilder entdeckt, ist ebenfalls nicht erklärbar.

Tobias Bachmann – Barfuß über Glas
Ziellos bewegt er sich durch die nächtlichen Straßen von Sagunth. Eine sinnlose Existenz. Bis er ihr begegnet. Sie, die ihn zu einem Diener macht. Zum Wächter ihrer Tür, der voller schmerzhaftem Begehren zusehen muss, wie andere sich an ihr Befriedigung verschaffen.

Melanie Ulrike Junge – Feuerkinder
Irgendetwas stimmte nicht an der Schule. Zu dieser Überzeugung kommen Emma, Franzi und Hendrik. Immer wieder verschwinden Gegenstände, die Lehrer benehmen sich merkwürdig und durch die Schule zieht Rauch und Brandgeruch. Emma beginnt zu recherchieren und stößt auf ein Ereignis, das über 100 Jahre zurück liegt. Ein Brand, dem damals einige der Schüler zum Opfer fielen.

Fred Ink – Frau Adonay
Seit er denken kann, wohnt er bei Frau Adonay, einer Roma, die ihr Geld mit Weissagungen und Zaubertränken verdient und die sich außerdem mit Geistern auskennt. Er selbst ist das beste Beispiel, denn hat sie ihn nicht zeitlebens vor den Geistern, die ich heimsuchen, beschützt? Geister, die nicht nur ihm etwas antun würden, sondern jedem, mit dem er Kontakt hat? Aus diesem Grund darf er das Haus nicht verlassen. Und bei dem seltenen Besuchen von Fremden muss er sich verstecken. So auch bei der Inspektion des Jugendamtes, das von einem unangemeldeten Kind bei Fr. Adonay erfahren hat.

Bernar LeSton – Nachtgespenster
Nach dem Tod ihres Großvaters werden seine beiden Enkelkinder von seinem Geist heimgesucht, der ihnen die tollsten Geschichten erzählt. Der Priester und Geisteraustreiber des Ortes macht dem jedoch ein Ende. Über die Jahre hinweg bleibt jedoch der Wunsch, grand-père Albert wieder zu sehen übermächtig und im Erwachsenen alter findet sich eine Möglichkeit, wieder mit dem Großvater vereint zu sein.

Constantin Dupien – Der Spuk auf Lakewood Manor
Arthur Swanson, der letzte seines Geschlechts, sucht die Detektei Preston Lomax in London auf, um dort seinen Fall vorzutragen. Angeblich soll es auf seinem Familiensitz Lakewood Manor, wo er alleine mit seinem Butler Alfred lebt, spuken. Gemeinsam mit Denton, Freund und Schreibkraft der Detektei, macht sich Lennox auf den Weg zu der Insel, auf der Lakewood Manor steht. Und auch die Freunde werden bereits nach kurzer Zeit zu Zeugen merkwürdiger Ereignisse, die sogar einen toten fordern. Trotz der vermeintlichen Unerklärbarkeit der Vorkommnisse lässt sich Lennox nicht von einer weltlichen Erklärung abbringen.

Xander Morus – Das Puppenhaus
Das Spielhaus, das der alte Henry auf dem Trödelmarkt in Queens anbietet, ist kein normales Puppenhaus, sondern eine Falle für böse Seelen. Und unnachgiebig werden die Dämonen von dem Puppenhaus angezogen. So ist sich Harry auch sicher, kein normales Kind vor sich zu haben, als ein Mädchen für das vermeintliche Spielzeug interessiert.

Melisa Schwermer – Lost Place
Zum ersten Mal ist ihr das verfallene Haus während einer Straßenbahnfahrt aufgefallen. Schnell stand der Entschluss fest, bei Nacht hierher zurück zu kehren, um einige Fotoaufnahmen für ihre „Lost Place“-Webseite zu machen. Dafür erweist sich die Ruine als wahrer Glückstreffer. Doch das Bauwerk ist gefährlich marode. Sie bricht in den Boden ein und ist dort gefangen. Und ist sie wirklich alleine in dem Haus?

Regina Müller – Hungergeist
Endlich kommt der Bettelmönch Cahkhuka bei dem Friedhof an, wo er seine Meditation abhalten will. Die Wächterin des Totenackers lässt ihm die frische Leiche einer jungen Frau bringen, über der er seine geistliche Übung ausführen soll. Ihm gelingt der Zugang zum Geisterreich und zu spät bemerkt er, dass er der jungen Frau bereits früher einmal begegnet ist.

Lisanne Surborg – Auf dem Silbertablett
Gemeinsam mit der Studentin Cora, die an einem Reportage über unheimliche Orte schreibt, betritt Torben das leerstehende und dem Verfall preisgegebene Kinderkrankenhaus, wo er fast ein Jahr seines Lebens zugebracht hatte. Ursprünglich eingewiesen wegen eines verletzten und entzündeten Daumens. Doch die Entzündung wollte nicht heilen. Selbst unter der aufopferungsvollen Behandlung von Schwester Moni, breitete sich die Entzündung weiter aus. Ebenso wie der zehrende Durchfall seines Zimmergenossen Oliver. Erst als Moni nach Olivers Tod einige Tage abwesend ist, ging es Torben besser. Moni, die er auch jetzt wieder sieht, obwohl er genau weiß, dass sie tot ist.

Christian Sidjani – Das flüsternde Haus
Der Bitte seines Jugendfreundes Dennis Roder entsprechend, findet sich der Erzähler zur angegebene Zeit vor der Tür eines verlassene Warenhauses wieder. Zwar hat die Zeit die einstigen Freunde entfremdend, doch hat die Nachricht vom Tod Roders Ehefrau sein Mitgefühl in ausreichendem Maß geweckt, um der Bitte des Freundes nachzukommen. Dieser eröffnet ihm, dass er seit dem Tod seiner Frau in dem verlassenen und verwahrlosten Gebäude lebt und arbeitet und den Erinnerungen an seine Frau nachhängt.

„Von dem einstigen Eingangsbereich ist nicht mehr viel übrig: Die Tapete hängt in Fetzen, die Hälfte der Bodenfliesen ist gesprungen. In einer Ecke steht noch ein dunkelgrüner Kunstledersessel. Der zweite und das Beistelltischchen dazwischen fehlen. Für zwei Sekunden sitzt eine Frau in dem Sessel. Sie trägt ein helles Kleid, Strümpfe, flache Stoffschuhe. So ganz in Weiß wirkt ihre blasse Haut noch durchscheinender. Torben sieht die pochende Ader an ihrem Hals. Zählt zwei Schläge, dann ist der Sessel leer.“
(Lisanne Surborg – Auf dem Silbertablett)

MEINUNG

Mit MÄNGELEXEMPLARE: HAUNTED liegt bereits die dritte Kurzgeschichtensammlung mit dem „Mängelexemplare“-Stempel vor, eine phantastische Anthologiereihe, die in Edition Lepidoptera und seit Band 2 im Amrûn Verlag erscheint. Wie schon bei den Vorgängerbänden zeichnet Constantin Dupien für die Herausgabe verantwortlich, der auch hier wieder ein bemerkenswert glückliches Händchen bei der Geschichtenauswahl beweist. Waren beim Vorgängerband, der den Untertitel DYSTOPIA trägt, Endzeitgeschichten gefordert, so spielen in ME: HAUNTED nun Spuk- und Geistererscheinungen die Hauptrolle; damit kommt die Sammlung thematisch klassischer daher als der direkte Vorgänger.

Seinem Erfolgsrezept bleibt der junge Herausgeber jedoch treu und mischt munter Beiträge verdienter Autoren wie Markus K. Korb, Vincent Voss und Tobias Bachmann mit denen von Newcomern seiner eigenen „Autorengeneration“, die zunächst als Self Publisher von sich reden machten, wie z.B. Fred Ink (DAS GRAUEN IN DEN BERGEN), Christian Sidjani (STILLMANNS MÜNZEN) und Melisa Schwermer (INJEKTION). HAUNTED beweist, dass beide gleichwertig nebeneinander stehen können.

Und obwohl das Thema ein klassisches ist, finden sich doch überwiegend Beiträge, die in der Gegenwart angesiedelt sind und einen modernen und urbanen Anstrich haben. So begegnet man hier einer „Lost Place“-Fotografin, begleitet eine Studentin bei einer Reportage über unheimliche Orte oder wird Zeuge eines systematischen psychologischen Kindesmissbrauchs. Christian Sidjani gar verschmilzt Klassik und Moderne und schildert eine zeitgemäße, städtische Variation von Edgar Allan Poes HAUS USHER.

Doch sind es nicht nur neuzeitliche oder gar böse Geister, die wir hier treffen. Regina Müller entführt in ein altertümliches China, Constantin Dupien selbst lässt ein viktorianisch erscheinendes Ermittlerduo auf unerklärliche Vorkommnisse stoßen und Bernar LeSton macht die Sehnsucht nach dem verstorbenen, zu Lebzeiten stets amüsanten und liebevollen Großvater zum Thema.

Ergänzt werden die Geschichten von dem dreiteiligen Gedicht HEIMGESUCHT von Merten Medracke und von Entry-Grafiken zu jeder Geschichte, entweder passende Fotos oder – im überwiegenden Fall – Zeichnungen von Julia Takagi. Auf der Rückseite jeder Grafik ist in der Handschrift des jeweiligen Verfassers ein Auszug aus der jeweiligen Geschichte enthalten. So ist ME: HAUNTED auch im Innenteil ein schmuckes Werk geworden. Die künstlerische Krone bildet jedoch das großartig-düstere Covermotiv von Timo Kümmel. Ein absoluter Eyecatcher.

Als besonderes Bonbon muss noch das Nachwort der beiden szeneprominenten Bloggerinnen Carmen Weinand (HORROR AND MORE) und Claudia Jung (KRIMI & CO.) angesehen werden, das selbst eine kleine Gespenstergeschichte ist.

Bereits 2013 und 2014 konnten MÄNGELEXEMPLARE (Platz 3) und ME: DYSTOPIA (Platz 1) jeweils Plätze in der Kategorie Beste Anthologie beim VINCENT PREIS belegen. ME: HAUNTED hat das Zeug, die Reihe fortzuführen. Die anfänglichen „Mängelexemplare“ wurden längst zu einer Qualitätsmarke.

FAZIT

Hervorragende und mannigfaltige Sammlung verschiedenster Geistergeschichten deutscher Autoren und ganz und gar keine „mangelhaften“ Vertreter ihrer Spezies.

Amrun

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