Paula Hawkins: Girl on the Train – Du kennst sie nicht, aber sie kennt dich

Girl on the TrainDu kennst sie nicht aber sie kennt dich von Paula Hawkins

Originaltitel: The girl on the train, USA, 2015
Random House Audio, 15. Juni 2015
2 MP3-CDs, Krimi/Thriller, Gekürzte Lesung, ISBN: 978-3-8371-3142-0, ca. 640 Minuten, 14,99 EUR
Gelesen von Britta Steffenhagen, Rike Schmid, Christiane Marx
Aus dem Englischen von Christoph Göhler
Die Buchausgabe ist erschienen bei Random House/Blanvalet

http://paulahawkinsbooks.com/

https://www.facebook.com/PaulaHawkinsWriter/

http://www.randomhouse.de/randomhouseaudio/

http://www.randomhouse.de/blanvalet/

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„Ungefähr auf der Hälfte der Fahrt ist wieder irgendein Signal defekt. Zumindest nehme ich an, dass es defekt ist, weil es praktisch immer auf Rot steht. Fast jeden Tag halten wir dort an, manchmal nur für ein paar Sekunden, manchmal für endlose Minuten. Wenn ich in Wagen D sitze, so wie meistens, und der Zug vor dem Signal anhält, so wie fast immer, habe ich den perfekten Ausblick auf mein Lieblingshaus an den Gleisen: Nummer fünfzehn.“

STORY

Die geschiedene und arbeitslose Alkoholikerin Rachel fährt jeden Morgen mit dem Zug nach London, ganz so, als müsse sie immer noch zur Arbeit, um ihrer Studienfreundin und derzeitigen Vermieterin Cathy ihre Joblosigkeit und baldige Zahlungsunfähigkeit nicht beichten zu müssen. Auf ihrer morgendlichen Fahrt wird Rachel regelmäßig mit ihrer Vergangenheit konfrontiert, sobald der Zug an einem bestimmten Signal anhält und sie damit zwangsweise einen unverstellten Blick auf den Garten und die Rückseite ihres ehemaligen Heims hat, wo ihr Ex-Mann Tom mit seiner neuen Familie lebt. Zwei Häuser weiter und damit ebenfalls vom Zug aus leicht zu beobachten, lebt neu eingezogen ein offenbar glückliches Paar, dem sie die Fantasienamen Jess und Jason gibt und für die sie sich das perfekte Leben ausmalt, das ihr verwehrt geblieben ist. Doch eines Tages wird Rachel Zeugin, wie Jess im Garten von einem Fremden geküsst wird. Einige Tage später erfährt sie aus der Zeitung, dass Jess, deren richtiger Name Megan lautet, verschwunden ist.

Da sie am Abend von Megans Verschwinden dort war, um ihren Ex-Mann zu sehen, meldet sich Rachel als Zeugin. Jedoch hat sie einen Filmriss und kann im Grunde nichts zu den Ermittlungen beitragen. Sie gerät im Gegenteil selbst ins Visier der Polizei, da sie an diesem Abend alkoholisiert und verletzt in die Notaufnahme eingeliefert wurde und sich an nichts mehr erinnern kann. So beginnt Rachel in ihrer mehr als ausreichend freien Zeit, auf eigene Faust herauszufinden was an jenem Abend tatsächlich passiert ist und so vielleicht den Schlüssel zu Rachels Verschwinden zu finden.

„Natürlich sehe ich sie nicht wirklich. Ich weiß nicht, ob sie malt oder ob Jasons Lachen tatsächlich so toll klingt oder ob Jess schöne Wangenknochen hat. Ihren Knochenbau kann ich von hier aus unmöglich erkennen, und ich habe auch noch nie Jasons Stimme gehört. Ich habe die beiden noch nie aus der Nähe gesehen; damals, als ich ein paar Häuser weiter wohnte, lebten die beiden noch nicht dort. Sie zogen erst nach meinem Auszug vor zwei Jahren dort ein, wann genau, weiß ich nicht. Sie sind mir vor vielleicht einem Jahr zum ersten Mal aufgefallen, und im Lauf der Monate wurden sie mir immer wichtiger.“

MEINUNG

Mit GIRL ON THE TRAIN oder GOTT, wie das Buch inzwischen umgangsschriftlich kurz bezeichnet wird, gelang Paula Hawkins nach mehreren Liebesromanen (veröffentlicht unter dem Pseudonym Amy Silver) einer der Megaseller 2014/15. Obwohl die die Autorin auf eine bekannte Ausgangssituation zurückgreift – Hitchcocks DAS FENSTER ZUM HOF lässt grüßen – , variiert sie diese ausreichend geschickt, indem sie aus der misstrauischen Zeugin Rachel gleichzeitig eine, aufgrund ihrer Alkoholsucht, unzuverlässige Zeugin macht und der Leser nicht sicher sein kann, dass Rachels subjektive Wahrnehmung tatsächlich die vollständige und gültige Wahrheit ist. Um dieses Element der Unsicherheit noch weiter zu treiben, erteilt die Autorin gleich drei Personen das Wort, die abwechselnd ihre Teile der Geschichte aus ihren jeweiligen Perspektiven erzählen. Neben der voyeuristischen Rachel, bestreitet Megan selbst – das vermeintliche Opfer und gar nicht die perfekte Ehefrau, die Rachel aus dem Zug zu sehen glaubt – einen Teil der Erzählung, der weit vor ihrem Verschwinden einsetzt und damit einige Hintergründe für ihr Verschwinden liefert. Die kleinste Rolle des Frauentrios kommt Anna zu, der neuen Ehefrau von Rachels Ex, deren Schilderung Rachel als besessenes, rachsüchtiges und versoffenes Miststück darstellt. Aus dieser abwechselnden Schilderung subjektiver Darstellungen ergeben sich immer wieder unvorhergesehen Wendungen und der Leser muss die Handlung mit wachsendem Informationsstand immer wieder neu bewerten.

Was die Handlungsentwicklung angeht, fährt Fr. Hawkins die konventionelle Schiene, indem sie die mehrere denkbare Theorien eine nach der anderen in den Fokus rückt, wieder entkräftet und so nach und nach alle denkbaren Szenarien abhakt. Da die Möglichkeiten und das Figurenarsenal von GOTT doch sehr beschränkt sind ist die endgültige Auflösung des Rätsels um Megans Verschwinden dann auch nicht die großartige Überraschung, die das unkonventionelle Vorspiel verspricht. Auch etwas mehr Tempo zum Ende hin hätte dem Roman nicht geschadet. Wer GONE GIRL und ICH DARF NICHT SCHLAFEN gut fand, wird auch an GOTT seine Freude haben.

DAS HÖRBUCH

Das deutsche Hörbuch verfolgt konsequent das Element der Dreiteilung, indem für jede erzählende Figur eine eigene Sprecherin eingesetzt wird. Britta Steffenhagen mit zerbrechlichem Mut als Rachel, Rike Schmid als coole, überlegene Megan und Christiane Marx als angespannte und dauerbeschäftigte Anna. Alle drei sind erfahrene Krimihörbuchsprecherinnen und sehr schön für die jeweiligen Rollen ausgesucht. Ein gewissenhaftes Vorgehen von Random House Audio, ds nicht gerade selbstverständlich ist, gerade wo die meisten Hörbücher möglichst schnell, möglichst parallel zur Bucherscheinung, als reine Lesung rausgehauen werden.

FAZIT

GOTT erweist sich als frische, sorgsam konstruierte DAS FENSTER ZUM HOF-Variante, die mit unterschiedlichen, teils unzuverlässigen Erzählperspektiven und einer nicht unbedingt grundsympathischen Hauptfigur und unerwarteten Wendungen spielt. Die Hörbuchumsetzung punktet mit drei Profi-Sprecherinnen in verteilten Rollen.

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