Bov Bjerg: Auerhaus

Bjerg_Auerhaus_U1.inddAufbau-Verlag / Blumenbar, Berlin, 17. Juli 2015
Gebunden mit ausklappbarem Vorsatz, Jugendbuch/Drama/Komödie/Coming of Age, ISBN: 978-3-351-05023-8, 240 Seiten, 18,00 EUR
Covergestaltung: ZERO Werbeagentur, München
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„Unsere Schule war das jüngste Gymnasium in der Kreisstadt. Das Gymnasium für die Dörfer. Die anderen Gymnasien hießen Schiller-Gymnasium und Albert-Einstein-Gymnasium. Unseres hieß Gymnasium Am Stadtrand. Die anderen hießen danach, was die Schüler werden sollten. Wir hießen danach, wo wir herkamen.“

STORY
Kurz vor dem Abi versucht sich Frieder Wittlinger, genannt „Der Bauer“, mit Schlaftabletten das Leben zu nehmen. Dabei wollte er sich nicht umbringen, er wollte “bloß nicht mehr Leben. Das ist ein Unterschied“. Nach einigen Wochen in der Psychiatrie wird er mit der Empfehlung entlassen, nicht mehr bei deinen Eltern zu wohnen. So zieht er in das inzwischen leerstehende Haus seines Opas, gemeinsam mit seinem Klassenkameraden Höppner, dessen Freundin Vera und der behüteten Cäcilia, damit Vera nicht das einzige Mädchen ist. Für alle eine willkommene Gelegenheit, ihren Eltern und sonstigen Erwachsenen zu entkommen. Plötzlich sind noch der schwule Elektrikerlehrling Harry und die glatzköpfige Brandstifterin Pauline, ebenfalls aus der Psychiatrie, dabei, im Auerhaus, wo sie den Sommer ihres Lebens verbringen.

„Wahrscheinlich war es das Beste, wenn ich die Ladung zur Musterung erst mal einfach ignorierte, Rumzuballern und durch den Dreck zu kriechen und dauernd nach der Pfeife von irgendwelchen Spezial-Schwachmaten zu tanzen, das war nicht mein Fall. Und am Feierabend mit Typen zu saufen, deren Fall das war, das war erst recht nicht mein Fall. Ignorieren, Zeit schinden und, sobald es ging, nach Berlin abhauen, das war wahrscheinlich das Beste.“

MEINUNG
Ein Jugendbuch ganz ohne Dystopie, Rebellion, Außerirdische, Verschwörungen oder sonstigen mysteriösen Firlefanz, sondern schlicht über eine Teenie-WG in einer deutschen Provinz der 1980er-Jahre. Den Namen „Auerhaus“ haben die Bewohner einem Mixtape zu verdanken, das sie dort abspielen, dem Madness-Song „Our House“ und einem Nachbarn, der halt kein Englisch kann.

Als Erzähler dieses Sommers fungiert Höppner, über dem das Damoklesschwert der Einberufung zum Wehrdienst schwebt und der gerade Pläne wälzt, diese zu umgehen, als sein Klassenkamerad Frieder nach einem Selbstmordversuch in die psychiatrische Anstalt eingeliefert wird. Er hat sich nie Gedanken darüber gemacht, dass dieser Kerl wohl sein bester Freund ist und fühlt sich nun doch verantwortlich ihn alle paar Tage dort zu besuchen. Und so in etwa gestaltet sich durchgehend dieser unspektakuläre Roman, der Autor Bov Bjerg die ungeteilten Weihen des Literarischen Quartetts eingebracht hat und danach alles andere als unspektakuläre Auflagenzahlen.

Aus der leicht distanziert wirkenden Beobachterperspektive Höppners geschildert, versucht Berg gar nicht, seine jugendlichen Protagonisten als von übermäßigen Gedanken, Zweifeln und Abwägungen geplagte, verkappte Erwachsene darzustellen. Das Leben passiert einfach im zeitlichen Niemandsland des Auerhauses. Höppner, Frieder und Co sind genau, was Jugendliche in diesem Alter sind; auf unbeschwerte Art ahnungs- und gewissenlos und ohne einen unnützen Gedanken an die möglichen Folgen ihres Handelns. Unbelastet von den Lehren die Lebens, die sie just in diesen Momenten gerade machen. So präsentiert sich AUERHAUS angenehm schwerelos, ohne moralischen Zeigefinger und doch durchzogen von einer bittersüßen Melancholie. Immerhin ist man irgendwie dafür verantwortlich, dass Frieder keinen erneuten Selbstlordversuch unternimmt.

Ebenso einfach und ballastfrei ist Bergs Sprache. Lakonisch, ohne formale Sperenzchen, ohne den künstliche Aufbau geblähter Spannungskurven, ohne peinliche Coming-of-Age-Dramen zieht das episodenhafte Geschehen am Leser vorbei und doch sitzt jeder Satz, scheint jeder Absatz simple und definitive Weisheit auszusenden.

An diesem angeblichen Jugendbuch werden auch die Erwachsenen ihre Freude haben, vor allem diejenigen, die in dieser Zeit selbst ihre Pubertät erlebt haben. „Alle Personen sind erfunden, alle Handlungen verjährt“, lautet das vorangestellte Grußwort des Autors. Für zwischendurch sehr angenehm, wer jedoch eine „richtige“ Handlung und ausgefeilte Charaktere sucht oder erwartet, sollte lieber nicht zugreifen.

FAZIT
AUERHAUS gibt sich erfrischend unspektakulär, moralfrei und jenseits von allem „darf-das-überhaupt-sein?“ Ein Buch wie ein Independent-Film, wie Kevin Smiths CLERKS.

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