William F. Nolan: Dark Universe – Albträume

darkuniverseOriginaltitel: Dark Universe, USA, 2001
Festa Verlag, Leipzig, 15. September 2015
Hardcover mit Schutzumschlag und Leseband, Privatdruck, Horror/Phantastik/Science-Fiction/Kurzgeschichten, keine ISBN, 336 Seiten, 39,99 EUR
Aus dem Amerikanischen von Christian Jentzsch
Coverillustration und Motiv der Signiervignette: Alejandro Colucci

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„Für uns Kinder war es immer gruselig, sogar bei Tageslicht. Er war alt, schon so lange in Riverton, wie die Leute zurückdenken konnten. Und nahm einen ganzen Häuserblock ein. Ein schiefer Holzzaun (war er jemals gestrichen worden?) umringte ihn vollständig. Die Bretter waren halb verfault und zwischen vielen davon gab es große Lücken, durch die man all die zerschmetterten Autos und Transporter sehen konnte, die sich darin geradezu obszön stapelten. Leib auf Leib, in verrosteter Umarmung. Aus offenen Motorräumen ragten geplatzte Wasserschläuche wie ausgetretene Eingeweide, geborstene Ladeflächen von Transportern waren gespalten und von Sonne und Regen aufgequollen und Windschutzscheiben mit dunkelbraunem Unrat überzogen. („Das Zeug kommt aus dem Gehirn von den Leuten, die mit dem Kopf gegen das Glas geknallt sind“, sagte Billy-Joe Gibson, und niemand bezweifelte das.“)“
(Der Schrottplatz)

In der Unterwelt (1956)
Seit drei Jahren lebt Lewis Stillman als letzter seiner Art, als letzter Mann, in den unterirdischen Regentunneln von Los Angeles. Wie ein gejagtes Tier kommt er nur an die Oberfläche, auf der Suche nach Essen. Denn oben lauern die Anderen, die ihn töten würden, sobald sie ihn erwischen.

Samstagsschatten (1977)
Nachdem ihre Eltern gestorben sind, hat Laurie nur noch ihren Bruder Ernest. Mit ihm geht die Bankangestellte manchmal essen, ansonsten meidet sie lieber den Kontakt zu anderen Menschen. Doch Laurie liebt seit ihrer Kindheit das Kino und ist nicht weiter überrascht, als eine Tages auf ihrem Weg durch die Stadt auf all die Personen trifft, die sie von der großen Leinwand kennt.

Loneley Train a’coming (1980)
Paul Ventry wartet am Bahnhof von Bitterroot auf einen ganz bestimmten Zug. Der Zug, mit dem seine Schwester einst auf Nimmerwiedersehen verschwunden ist. Der Zug, gezogen von einer antiken Dampflokomotive, den es gar nicht geben dürfte. Der Zug, mit dem schon eine erhebliche Anzahl Menschen verschwunden sind, wie Ventrys Nachforschungen ergeben haben. Hier und heute müsste der Zug wieder in Bitterroot anhalten.

Und noch Meilen vor mir, bevor ich schlafe (1957)
Nur wenige Tage trennen Robert Murdock noch von der Erde, auf die er nach 20 Jahren im All wieder zurückkehrt. Nur wenige Stunden trennen ihn noch von seinem sicheren Tod. Die Spätfolge einer außerirdischen Krankheit. Doch Murdock hat Vorbereitungen getroffen. Vor allem um seinen Eltern nicht das Herz zu brechen, die sich so sehr auf seine Rückkehr freuen.

Ein guter Tag (1996)
19 Dollar erbeutet Hal in dem Café, wo er kurzerhand den Kassierer erschossen hat. Nicht übel für 1933, doch nicht genug um seiner Mutter, die heute Geburtstag hat, ein Geschenk zu kaufen. Da erschlägt er kurzerhand auch den Verkäufer des Haushaltswarenladens und macht sich mit einem neuen Bügelbrett und seiner Freundin Hazel auf den Weg zu seiner Mum.

Herzblut (1999)
Der Amoklauf an einer Schule veranlasst den Drehbuchautor David Cahill zum Drehbuch „Das Freitagsmassaker“. Die Dreharbeiten sollen in Caxton stattfinden, dem Heimatort seiner Großeltern. Bei der Suche nach Statisten vor Ort stößt Cahill jedoch auf etwas Merkwürdiges. Es scheint dort keine Kinder und keine Frauen zu geben. Umso mehr freuen sich die Bewohner Caxtons über den Anblick von Cahills schwangerer Frau.

Stoner (1988)
An einem verregneten Nachmittag ist Stoner alleine im Wachsfigurenkabinett, führt Selbstgespräche, schlägt den Puppen mit einer Säbelattrappe die Köpfe ab und ebenso dem Wärter, der plötzlich auftaucht.

Die Kur (1988)
Für einen Serienmörder ist es ebenso schwer, mit dem Töten aufzuhören, wie für einen Raucher, sich die Zigaretten abzugewöhnen. Schwerer sogar noch, wenn man dem Erzähler dieser Geschichte Glauben schenkt. Doch was er tut ist falsch, ungeachtet aller Prinzipen die Reinheit des Tötens betreffend. So nimmt der Killer jede Hilfe an, die er bekommen kann. Und eine Zufallsbekanntschaft kann ihn tatsächlich von weiteren Morden abbringen.

Der Riesenmann (1991)
Eines Tages ist der Zugang zum Dach, wo sie immer den New Yorker Sonnenaufgang genießt, blockiert. Versperrt von einem Riesen, der dort auf dem Dach liegt. Sind andere Leute bei ihr, ist er stets wieder verschwunden. Und doch scheint der Riese ihr den ganzen Tag zu folgen.

Am Diamond Lake (1991)
Entgegen aller seiner fadenscheinigen Argumente drängt seine Frau Steve förmlich dazu, zu dem alten Holzhaus am Diamond Lake zu fahren, das ihm sein Vater hinterlassen hat. Das Haus, mit dem er die Erinnerungen an Vanette verbindet, damals, als sie noch Kinder waren, und die nun plötzlich wieder vor im steht.

Der Besuch (1991)
Für ein Buch über Verbrechen steht ein Massenmörder seinem Interviewpartner Rede und Antwort. Über sein erstes Mal, warum er weiter tötete und über seinen unterschiedlichen Mordmethoden.

Die Partnerschaft (1979)
Viele Fremde kommen nicht in Sallys Lokal vorbei, doch wenn sich ein Durchreisender zum Essen oder Kaffee hierher verirrt, ergreift Tod Miller gerne die Gelegenheit zu einem Plausch über die alten Zeiten, als er noch der Aufpasser des Gruselkabinetts im inzwischen geschlossenen Vergnügungspark war. Manchmal werden die Fremden neugierig und folgen Tod nach Happyland, riskieren eine Fahrt in der Geisterbahn und lernen Ed kennen.

Übertretung (1971)
Stoische wartet der Schutzmann in den Schatten. Beobachtet die wenig benutzte Straße. Bereit, sich jeden Moment in Bewegung zu setzen. Bereit, jede Übertretung zu erkennen und zu ahnden.

Der Schrottplatz (1986)
Schon immer gab es Mr. Lattings Schrottplatz. Angefüllt mit den Autos der Ortsfremden, die in die tückische Nebelbank um Riverton rasten. Immer in der Nacht holte Latting dann die Autowracks ab. Was mit den Insassen passierte, weiß niemand.

Zeremonie (1983)
Gerne würde er die 13 hinter sich bringen. Diese Zahl at ihm noch nie Glück gebracht. Also gilt es, aus den 13 Auftragsmorden, die er bereits ausgeführt hat, 14 zu machen. Doch auf dem Weg zu Nr. 14 scheint sich die ganze Welt gegen ihn verschworen zu haben. Jetzt sitzt er über Nacht in diesem Kaff Doour’s Mill fest, das eine ganz eigene Art hat, Halloween zu feiern.

Zufälliges Zusammentreffen (1972)
Eines Nachts hören Henry Dobson und seine Frau in einem New Yorker Hotel ein seltsames Flüstern aus den Nebenzimmer, Ein Mann behauptet, einen Mord begangen zu haben. Das Hotelpersonal ist keine Hilfe, doch beim Verlassen des Hotels sehen sich Harry und sein Zimmernachbar zufällig. Dieser folgt Harry und wird in einem Handgemenge von ihm ermordet. Es gelingt Harry, die Spur der Tat zu verwischen. 10 Jahre später ist er wieder in New York, im selben Hotel, im Zimmer seines ehemaligen Opfers.

Heute Abend große Vorpremiere (1987)
Als der Geschäftsreisende Hubbard Rockwell im ländlichen Connecticut plötzlich von einem Unwetter überrascht wird, gelingt es ihm, sich in ein kleines Kino zu retten, wo gerade eine Sneak Preview gezeigt wird. Offenbar ist er der einzige Besucher und was er auf der Leinwand zu sehen bekommt, ist äußerst seltsam.

Anruf eines Toten (1974)
Zuerst glaubt Frank, seinen Ohren nicht zutrauen, als das Telefon klingelt und ein Anrufer sich als sein Kumpel Len ausgibt, der vier Wochen zuvor gestorben ist. Doch nach und nach beginnt er, der Stimme zu glauben, selbst als diese ihm Dinge erzählt, die noch gar nicht passiert sind.

Freunt (1992)
In einem Brief an ihren Vater schildert die 15-jährige Julie, dass sie nun – dank ihres Freunts Pepper – keine Jungfrau mehr ist. Ebenso wie zwei ihrer Klassenkameradinnen, die auch nach dem Sex mit Pepper schwanger wurden. Und auch mit den Babys habe der Vater besondere Pläne. Sie dienen seinem Überleben.

„Auf der anderen Seite der Brücke hielt der Wagen wieder an. Die Leinwand zeigte aus der Fahrerperspektive die Durchfahrtstraße einer kleinen Ortschaft mit einem vom Regendunst verhangenen Lichtschein am anderen Ende. Der Wagen rollte langsam vorwärts, an geschlossenen Ladenlokalen und dunklen Schaufenstern vorbei, um am Ende der Straße wieder anzuhalten. Bei den Lichtern. Neonlichtern.
Hub sog scharf die Luft ein, als die Kamera zum hell erleuchteten Vorbau eines Kinos schwenkte, über dem schwarze Blockbuchstaben verkündeten: HEUTE ABEND GROSSE VORPREMIERE.
Er saß jetzt starr auf seinem Sitz, die Hände um die Armlehnen gekrampft. Was ging da vor? Das Kino auf der Leinwand sah genau wie dieses aus. Sah er sich gerade einen Dokumentarfilm an, der bei einem anderen nächtlichen  Unwetter in dieser Stadt gedreht worden war?“
(Heute Abend große Vorpremiere)

MEINUNG
Mit William F. Nolans Kurzgeschichtensammlung DARK UNIVERSE beweist der Festa Verlag wieder einmal ein auffallend gutes Händchen, was die modernen Klassiker der amerikanischen Horrorliteratur angeht. Mit diesem „Best-of“ das Autors, das Beiträge aus dem Zeitraum 1956 – 1999 beinhaltet, hält man eine außergewöhnlich gute Zusammenstellung phantastischer Geschichten in Händen, die den Geist der ganz großen und in Würde gealterten Klassiker des Genres atmet. So darf man William F. Nolan getrost in einem Atemzug mit seinen Kollegen Richard Matheson, Robert Bloch, Ramsey Campbell und Ray Bradbury nennen, mit denen der Autor auch persönlich befreundet war.

Am ehesten verbindet man Nolans Name mit der literarischen Vorlage zum SF-Filmklassiker LOGAN’S RUN (FLUCHT INS 23. JAHRHUNDERT), zu der er auch eine ganze Reihe Fortsetzungen verfasste. In deutscher Übersetzung sind von den späten 1960ern bis zu den späten 1970ern einige wenige – gemessen am Gesamtwerk – seiner Krimis und Science-Fiction-Romane erschienen, einige seiner Horrorerzählungen im selben Zeitraum in den Anthologiereihen LUTHER’S GRUSELMAGAZIN und LUTHER’S GRUSEL-HORROR CABINET. In den 1980ern fand noch Nolans Dashiell Hammett-Biografie den Weg nach Deutschland, bevor es hier um diesen Autor nahezu 30 Jahre lang wieder komplett still wurde.

DARK UNIVERSE stellt einen Streifzug durch eine ganze Reihe phantastischer Subgenres dar und beweist damit einerseits die thematische Vielfalt des Autors und gleichzeitig die Souveränität, mit der er all diese Facetten der Phantastik beherrscht. Von Science-Fiction über urbanen Horror bis hin sogar zum magischen Realismus, wie ihn Neil Gaiman nicht besser hätte schreiben können (DER RIESENMANN) reicht das Spektrum. Dabei bleibt er überwiegend in der Realität, im Alltäglichen verwurzelt, in die er das Unerwartete, Phantastische einbrechen lässt. Freunde von Ramsey Campbells DÄMONEN BEI TAG werden auch an DARK UNIVERSE ihre Freude haben.

Auch Nolans literarischer Werkzeugkasten erweist sich als gut sortiert und bietet dem begnadeten Handwerker für jeden Bedarf das passende Gerät. Sei es der dreckige, plakative Schock, wie man ihn aus ECs HORROR Comics (z.B. DIE PARTNERSCHAFT) kennt oder das leise, schleichende Grauen aus Rod Serlings TWILIGHT ZONE (z.B. HEUTE ABEND GROSSE VORPREMIERE, ANRUF EINES TOTEN). Verziert je nach Bedarf mit einer Schippe Action (IN DER UNTERWELT), einem Quäntchen Melancholie (UND NOCH MEILEN VOR MIR, BEVOR ICH SCHLAFE, AM DIAMOND LAKE) oder einem Eimer Blut (DIE ZEREMONIE). Für jeden Zweck hat Nolan das passende Mittel im Petto und fertigt damit durchgehend Qualitätsarbeit.

Allen Geschichten dieser Sammlung ist außerdem eine ungeheure Plastizität gemein, die bereits von den ersten Sätzen an vorhanden ist und es dem Leser leicht macht, in die jeweiligen Szenarien einzutauchen. Eine Fähigkeit, die Nolan auch bei seinen Arbeiten als Drehbuchautor zugutegekommen ist (u.a. LOGANS RUN/FLUCHT INS 23. JAHRHUNDERT, BURT OFFERINGS/LANDHAUS DER TOTEN SEELEN).

Darüber hinaus begnügt sich Nolan auch formal nicht mit Schema F sondern geht ganz bewusst Experimente an. Schon in der zweiten Erzählung SAMSTAGSSCHATTEN ist der Leser gezwungen, haltlos in dem surrealen Strudel, der den Erzähler (oder die Erzählerin?) erfasst, mitzuschwimmen. Etwas gemäßigter fällt z.B. DER BESUCH aus, eine Geschichte, die ausschließlich aus einem Dialog besteht. Auch das abschließende FREUNT schlägt in diese Kerbe. Dort entwickelt sich das Grauen erst nach und nach durch die Briefe, die ein Vater von seiner 15-jährigen Tochter erhält und die Selbstverständlichkeit, mit der diese darin von ihrem offenbar sehr eigenwilligen „Freunt“ berichtet.

Das Covermotiv des uruguayischen Künstlers Alejandro Colucci, das diese Sammlerausgabe ziert, ist zweifellos ein absoluter Hingucker, weckt jedoch eher die Erwartung nach Dark Fantasy und passt damit nicht so recht zu Nolans Geschichten, die stets in der Wirklichkeit geerdet sind.

Ungeachtet dessen hat der Festa Verlag wieder bewährt hochwertige Arbeit abgeliefert. Auch unter dem Schutzumschlag in exklusiver Lederoptik ist das Buch (gelb  eingebunden!) ein Prachtstück. Die limitierte Sammlerausgabe ist signiert von William F. Nolan und Alejandro Colucci hat und ist als Privatdruck ausschließlich direkt beim Verlag erhältlich (keine ISBN). Zusätzlich ist jeder Geschichte eine kurze, informative Vorbemerkung des Autors vorangestellt.

FAZIT
Außergewöhnlich gelungenes „Best-of“ eines der ganz Großen der amerikanischen Phantastikliteratur in einer limitierten und – wie gewohnt – hochwertigen Sammleredition.

Festa-logo

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