Edith Wharton, Marc Gruppe: Allerseelen

gk104Reihe: Gruselkabinett 104
Titania Medien, Hilden, 08. Oktober 2015, Spielzeit: 59 Min.
1 CD im Amaray Case, Phantastik/Geistergeschichte, ISBN 978-3-7857-5167-1, ca. 59 Min., gesehen 07/2016 für 6,99 EUR
Buch: Marc Gruppe
Nach einer Kurzgeschichte von Edith Wharton
Produktion: Marc Gruppe und Stephan Bosenius
Sprecher: Judy Winter, Sabina Trooger, Cathlen Gawlich, Lutz Mackensy, Herma Koehn, Rainer Gerlach, Bernd Rumpf, Constantin von Jascheroff
Covermotiv von Ertugrul Edirne
http://www.titania-medien.de
http://www.ertugrul-edirne.de/
http://www.lutz-mackensy.de/

„Mein Bericht stützt sich auf die akribische Schilderung der Umstände, wie ich sie von meiner Cousine Sara Clayborne erfahren habe. Ich möchte nochmal betonen, dass es keine anderen Zeugen gibt, denn meine Cousine war in jenen Stunden des Jahre 1931 vollkommen allein ihrem großen Haus. Zumindest glaubte sie das. […] Ich will versuchen, meinen Bericht so akkurat wie möglich abzufassen und ich strikt an das halten, was mir Cousine Sara über die Jahre von dem mysteriösen Wochenende erzählt hat.“

STORY
Sara Clayborne lebt alleine mit ihren Dienstboten auf dem abgelegenen Anwesen Whitegates in Connecticut, stolz auf ihre Gesundheit und Robustheit, die sie unter anderem ihren täglichen Spaziergängen zu verdanken hat. Am 01. November 1931 hat sie auf ihrem nachmittäglichen Ausflug eine seltsame Begegnung mit einer Frau, die vorgibt, nach Whitegates unterwegs zu sein, um eine von Miss Claybornes Dienstbotinnen aufzusuchen. Gleich darauf ist die Fremde verschwunden. Bei ihrer Heimkehr verletzt sich die Hausherrin den Fuß und ist auf den Rat ihres Arztes hin für die nächste Zeit ans Bett gebunden. Tags darauf, an Allerseelen, erwacht sie in aller Frühe und wartet stundenlang vergeblich auf das Erwachen ihrer Angestellten und die allmorgendliche Aufwartung ihrer Dienstbotin Agnes. Sara bleibt schließlich nichts übrig, als doch alleine aufzustehen und ihr Zimmer zu verlassen. So entdeckt sie nicht nur, dass über Nacht massive Schneefälle das Land unter sich begraben und offenbar einen Strom- und Heizungsausfall verursacht haben, sondern auch, dass sie ganz alleine im Haus ist.

„Meine Cousine ging als erstes, wankenden Schrittes, schwer auf ihren Stock gestützt, auf die Tür zum repräsentativen Wohnzimmer zu. Sie war auf alles gefasst. Selbst darauf, dort die blutüberströmten, von einem ausgebrochenen Insassen einer Heilsanstalt niedergemetzelten Leichname ihrer Bediensteten aufgeschichtet liegen zu finden. Selbst wenn der Täter noch hinter der Tür gelauert hätte, um mit gezücktem Messer auch sie vom Leben zum Tod zu befördern, hätte sie die Tür geöffnet. Denn alles war ihr in diesem Moment lieber als die grauenhafte Ungewissheit, was in ihrem Haus geschehen war, noch länger ertragen zu müssen.“

MEINUNG
Böse Zungen könnten wohl von einer „Sparfolge“ sprechen, da das Ensemble von ALLERSEELEN sehr überschaubar ist und Judy Winter (Synchro Shirley McLaine, Lauren Bacall, Bette Midler) als Sara Clayborne einen Großteil des Hörspiels als One-Woman-Show mit Monologisieren bestreiten muss. Schließlich ist sie über 36 Stunden alleine in ihrem Haus. Dieses „laute Denken“ wirkt meist gekünstelt, doch in diesem speziellen Fall ist man voll bei der resoluten Dame, die mit immer größer werdender Verunsicherung durch ihr unerklärlich verlassenes Anwesen „humpelt“, das ihr von Minute zu Minute fremder und unheimlicher wird. Das ist ganz großartig realisiert, Hr. Gruppe, Hr. Bosenius (von Titania Medien) und natürlich auch Fr. Winter. Einfach erstklassig mit der Stimme „gespielt“. Zudem trägt der filmreife Piano-Score eine nicht unerheblichen Teil dazu bei, die mysteriöse und die sich stetig steigernde bedrohliche Stimmung auf den Hörer zu übertragen. Aufgelockert bzw. entspannt wird der Monolog durch die „Erzählerin“ Sabina Trooger (Synchro Madonna, Ellen Barkin, Geena Davis, Melanie Griffith), die das Ganze als Saras Cousine Kate Miller sehr stimmungsvoll in einen erzählerischen Rahmen packt und so abwechselnd besonnene Erzähl- sowie merklich lebhaftere Spielszenen zu bestreiten hat. Um die beiden Damen gesellen sich noch eine Handvoll „supporting Acts“, die ebenfalls keine Wünsch offen lassen. Vor allem sein noch Cathlen Gawlich als geheimnisvolle Fremde erwähnt, deren Lachen dem Hörer kalte Schauer über den Rücken jagen. Dieses Lachen wurde außerdem an verschiedenen Stellen des Hörspiels als hintergründige kleine Gänsehautmomente eingemischt.

Leider fühlt man sich am Ende etwas vorschnell alleine gelassen und man versucht krampfhaft zu verstehen, was denn nun passiert ist. Ist die unheimliche Fremde ein Geist, was naheliegend ist, doch was und zu wem wollte sie auf Whitegates? Und ist die eilig angebotene Erklärung Saras am Ende tatsächlich glaubhaft und wahrscheinlich? Und gibt es einen Zusammenhang zu Dr. Selgroves Schicksal, auf das so explizit hingedeutet wird? Die offenen bleibenden Fragen sind bei Edith Whartons phantastischen Geschichten offenbar keine Seltenheit und tun auch der Wirkung der Geschichte keinen Abbruch. Eindeutig ist, dass die Wände zwischen Dies- und Jenseits dünn sind an den Tagen vor und nach Allerheiligen (Halloween bis Allerseelen) und so manches unerklärliche Ereignis während dieser Zeit seinen Lauf nehmen kann.

FAZIT
Der abrupte (und offene?) Schluss ist etwas schade, doch der großzügige Mittelteil des Hörspiels hat es wirklich in sich und entwickelt in entsprechender Umgebung garantiert eine Gänsehaut, die ganz ohne einen einzigen Blutstropfen auskommt. Eine wunderbar leise Understatement-Folge aus Titanias Gruselkabinett.

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