Alan Moore: Providence 1

PROVIDENCE1_Softcover_361Enthält: Providence 1-4
Original-Storys: Providence 1-4
Avatar Press, USA, Mai – August 2015
Paninicomics, Stuttgart, 09. Dezember 2015
Softcover/Klappenbroschur, Horror/Mystery/Okkult, ISBN: 978-3-95798-571-2, 176 Seiten, 19,99 EUR
Zeichner: Jacen Burrows
Covermotiv von Jacen Burrows
Aus dem Amerikanischen von Gerlinde Althoff
Altersempfehlung: ab 18 Jahren
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STORY
Im Frühjahr 1919 herrscht „Saure-Gurken-Zeit“ beim Boston Herald. Kurzfristig wurde auch noch eine Anzeige zurückgezogen, so dass es nun gilt, möglichst schnell noch eine viertel Seite der Zeitung zu füllen. Der Journalist Robert Black erinnert sich an das Skandalbuch „Sous Le Monde“, nach dessen Lektüre sich angeblich mehrere Personen umgebracht haben sollen, und an einen gewissen Dr. Alvarez, der einen Essay über das Buch verfasst hat, und schlägt ein Interview mit dem Arzt vor. Alvarez selbst hält den Zusammenhang zwischen „Sous Le Monde“ und den Selbstmorden für zu weit her geholt und einen schlichten Marketingtrick. Doch Alvarez erwähnt dem Reporter gegenüber auch, dass sein Interesse an „Sous Le Monde“ in einem anderen Buch begründet liegt, das dort Erwähnung findet und das ihm bei seinen Forschungen zur Lebensverlängerung hilfreich war. Ein arabischer Text, von dem ihm ein New Yorker Kuriositätenhändler eine amerikanische Übersetzung besorgt hatte. Diese geheimnisvolle Geschichte, sowie einige geheimnisvolle Andeutungen Alvarez‘, wecken in Black das unbändige Verlangen, dem nachzugehen und dabei Recherchen für ein eigenes Buch anzustellen. Sein Weg führt ihn in das Haus des besagten Kuriositätenhändlers in Red Hook, das erst den Anfang seiner Reise darstellen soll.

MEINUNG
Bereits in seinem DIE LIGA DER AUSSERGEWÖHNLICHEN GENTLEMEN-Geschichten hatte WATCHMEN-Schöpfer Alan Moore eine Affinität zu Lovecrafts Geschichten an den Tag gelegt, die der später mit THE COURTYARD (noch nicht auf Deutsch erschienen) und dessen Fortsetzung NEONOMICON (dt. bei Panini) ausgebaut hat. Mit PROVIDENCE begibt er sich noch tiefer in den Kosmos lovecraftscher Geschichten und schafft das Kunststück eine faszinierende Mischung aus Nach- und Neuerzählung zu präsentieren, die sich allerdings nur den Eingeweihten vollständig erschließen dürfte.

Zunächst muss eine Identifikationsfigur für den Leser her, die in dem Journalisten Robert Black schnell gefunden ist. Dieser arbeitet beim Boston Herald, strebt jedoch nach Höherem, nämlich danach, ein Buch zu schreiben. In den Äußerungen seines Interviewpartners Alvarez glaubt Black Hinweise auf eine größere Weltsicht zu erkennen, die eine geheime, unsichtbare Welt einschließt, die sich unter der dünnen und brüchigen Oberfläche der Wahrnehmung verbirgt und von deren unterbewusster Wirkung sich die Menschen noch nicht befreit haben. Alvarez zu Black: „Diese Wahrheit ist ein Land, das viele Faden tief versunken ist. Würde es eines Tages auftauchen und sich darbieten, was würden sie tun, Mr. Black? Was würden wir tun?“.

So verfolgt Black die Spur eines geheimen Buches quer durch „Lovecraft-Country“ und Alan Moore mixt Blacks Reiseroute zu einen brillanten Lovecraft-Mashup aus KALTE LUFT, DAS GRAUEN IN RED HOOK, SCHATTEN ÜBER INNSMOUTH, DAS GRAUEN VON DUNWICH, indem er diese Erzählungen für seine Zwecke modifiziert, mit weiteren Lovecraft-Extrakten garniert (DAS BILD IM HAUS, TRÄUME IM HEXENHAUS) und in einen gemeinsamen Kontext setzt. Inhaltliche Verknüpfungen existieren außerdem zu seinen eigenen, zuvor genannten Werken. Mit der Erwähnung von Poes Detektiv Auguste Dupin oder Robert Chambers DER KÖNIG IN GELB schaut Moore sogar noch über den lovecraftschen Tellerrand hinaus. Wer hier gänzlich unbelesen ist, an dem geht diese Ebene vollständig vorbei.

Doch gibt sich der Moore nicht damit zufrieden, seinen Robert Black die Lovecraft-Hotspots abklappern zu lassen, denn im Hintergrund entwickelt sich eine ganz eigene Geschichte, die dies alles zusammen hält, eben jene „geheime Realität“, über die nur Eingeweihte Bescheid wissen. Und immer wieder zeigt Moore Auswirkungen dieser geheimen auf die wahrnehmbare Realität. So entsteht das Gefühl, dass sich innerhalb der Geschichte, parallel zu Blacks Recherchen, tatsächlich mehr abspielt, als auf den Bildern zu sehen ist. Gerade die letzten Panel dieses ersten Bandes, auf dem sich Black nach seinem Besuch bei Familie Wheatley umdreht und nur eine (vermeintlich) leere Landstraße erblickt, macht dies auf brillante Weise deutlich. Hier haben Moore und sein Zeichner Jacen Burrows ihre Leser schon so weit, dass man davon überzeugt ist, dass dieses Bild nicht alles zeigt. Des Weiteren sind eine Reihe mysteriöser, scheinbar zusammenhangloser Szenen, deren Bedeutung sich (noch) nicht erschließt, für die verstörende Stimmung von PROVIDENCE verantwortlich und schüren den Verdacht, dass Black buchstäblich mit jeder Station seiner Reise immer tiefer in etwas weit Größeres und Gefährlicheres gerät, als ihm selbst bewusst ist. Auch das relativ langsame Erzähltempo trägt maßgeblich zum Aufbau dieser einzigartigen Atmosphäre bei.

Für den Leser bietet PROVIDENCE außerdem eine echte Herausforderung. Schon die Comicszenen sind in einer der Zeit angemessenen Sprache und Ausdrucksweise abgefasst. Nach jedem Kapitel folgt zudem eine Art Ergänzung zum gerade gelesenen. Das sind einmal Seiten aus Blacks Tagebuch, die die Ereignisse nochmals aus Blacks subjektiver Sicht wiedergeben, wodurch sich einige interessante Variationen ergeben, die deutliche Rückschlüsse auf Blacks Charakter zulassen. Außerdem finden sich hier einige Dokumente „angehängt“, die im jeweiligen Kapitel eine Rolle gespielt haben. Realisiert ist dies tatsächlich als (pseudo)handschriftliche Tagebucheinträge bzw. antike Drucksachen. Das fördert zwar nicht gerade die Leserlichkeit, trägt jedoch einiges zur Authentizität bei und darauf lässt man sich doch gerne ein. Gerade was diese Teile angeht hat Übersetzerin Gerlinde Althoff, die die verschiedenen außergewöhnlichen Sprachcharakteristika ins Deutsche übertragen hat, absolut erstklassige Arbeit geleistet.

Die Zeichnungen von Jacen Burrows sind, denkt man sich die Kolorierung weg, auf den ersten Blick sehr simpel, doch tut man ihnen mit dieser Einschätzung unrecht. Mit wenigen Strichen erschafft Burrows einzigartige Charaktere und Mimiken und vor allem bei den Fischgesichtern der Innsmouth-Leute weiß man gleich, was Sache ist. Wenn diese sich im Bus gleichzeitig zu Black umdrehen und ihn anblicken, ist eine Gänsehaut garantiert.

Als Bonus sind in verkleinerter Form noch alle Variantcover der ersten vier PROVIDENCE-Ausgaben enthalten. Es existieren ganze 7(!) thematisch zusammenhängende Coverserien – alle gestaltet von Jacen Burrows – so dass sich 28 Motive ergeben, allesamt großartig. Weiterhin enthalten ist das kurze Essay DER WEG NACH PROVIDENCE von Panini-Mitarbeiter Antonio Solinas, ein Kommentar zu dem vorliegenden Band, der sehr gut aufzeigt, wie Alan Moore sich Lovecrafts Schöpfung angenommen, diese ausgebaut und verbunden hat.

FAZIT
Ein faszinierendes Konstrukt aus Nacherzählung und neuer verbindender Geschichte, dem ein wohldurchdachter Plan zugrunde liegt. Für denjenigen, der mit dem langsamen Handlungsaufbau leben kann, eine lohnende Herausforderung für den, der ein entsprechendes Vorwissen mitbringt.

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