Flix: Don Quijote

don-quijoteCarlsen Verlag, Hamburg, 02. Juli 2012
Hardcover, 17,5×24,6 cm, schwarzweiß, Graphic Novel/Humor/Tragikomödie, ISBN: 978-3-551-78375-2, 136 Seiten, 16,90 EUR
Zeichungen: Flix
Covermotiv: Flix
Empfohlen ab 12 Jahren
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http://www.der-flix.de/

STORY
Alonso Quijano ist ein passionierter Grantler, ein notorischer Beschwerer und ein selbsternannter Weltverbesserer vor dem Herrn. Zum Beispiel, wenn es darum geht, diesen intellektuellen Schmutzfleck namens „Comic“ durch wiederholte Leserbriefe aus dem „Märkischen Volksfreund“ zu verbannen, dessen Vorhandensein dieses „ansonsten durchaus lesenswerte“ Magazin förmlich besudelt. Oder natürlich wenn es gilt, seinen Heimatort Tobosow an der Müritz mit einer Ein-Mann-Demo gegen einen geplanten Windpark zu verteidigen der die schöne Landschaft an der Mecklenburger Seenplatte zu verschandeln droht. Die schlechte Witterung während der Protestaktion und seine altersbedingte Verwirrtheit lassen ihn im nahegelegenen „Lustschloss“ stranden. Die anschließende Randale, die er in dem Bordell veranstaltet, bringt das Fass zum Überlaufen und die Behörden können Alonsos verwirrten Zustand nicht mehr ignorieren. So macht sich seine Tochter Antonia aus Berlin auf den Weg, um ihren Vater für einige Tage zu sich zu holen, bis ein Altersheimplatz für ihn gefunden ist. Gegen seinen eigenen Widerstand freundet sich Alonso in dieser Zeit mit seinem hyperaktiven Enkel, den Batman-Fan Robin(!), an, der seinen Großvater als heldenhaften Ritter sieht, ihm bei seiner Flucht aus dem Altersheim hilft und fortan als Knappe auf seinem Weg zurück nach Tobosow begleitet.

MEINUNG
Von Anfang an verleiht Autor und Zeichner Flix (SCHÖNE TÖCHTER, MÜNCHHAUSEN) seinem (Anti)Helden Alonso etwas Tragikomisches, indem er zwischen den Panels leise durchschimmern lässt, dass dieser zumindest unter massiver Vergesslichkeit leidet. Die verzweifelten Lockrufe nach seiner Katze Dulcinea und die Berge an geöffneten, doch nicht geleerten Katzenfutterdosen sprechen ebenso für sich wie die Klebezettel, die überall in seinem Haus verteilt sind. Sein einziger, selbstbestimmter Lebenszweck scheint darin zu bestehen, den Fortschritt aufzuhalten, der zugegeben nicht immer besser sein muss, wie man an der nahezu verlassenen Ortschaft Tobosow mit all ihren geschlossenen Geschäften sieht. So schafft Autor Flix von Anfang an eine launige Ambivalenz, lässt die Leser über den vergesslichen Zausel schmunzeln und weckt zugleich Verständnis für den alten Knacker, der mit der sich immer schneller drehenden Welt nicht mehr zurechtkommt. Als Ausweg flüchtet sich Alonso in eine scheuklappenbehaftete Routine, die als überholt geltende Werte hochschätzt. Ein einschneidendes Erlebnis lässt ihn schließlich komplett in eine Fantasiewelt abdriften, die von mittelalterlichen Ehrenvorstellungen geprägt ist, so dass er noch nicht einmal seine eigene Tochter wiedererkennt. Ausgerechnet sein Enkel Robin, von dessen Existenz er überhaupt nichts wusste, wird für ihn ein Mitstreiter im Geiste und befeuert die Fantasie des Alten, da auch er in diesem „Spiel“ voll aufgeht. Da werden Fahr- und Dreirad zu Pferd und Esel, ein Kaugummiautomat zu einer Proviantstation, Windräder zu Kampfmaschinen vom Mars und der Weg der beiden zu einem großen Abenteuer. Erst als die Lage endgültig und gefährlich zu eskalieren droht erkennt Robin, dass dieses Ritterspiel für seinen Großvater eben mehr als ein Spiel ist.

Wer einigermaßen mit der Vorlage vertraut ist, wird in Flix‘ DON QUIJOTE nicht wenige Parallelen zum Original und damit Momente zum Schmunzeln vorfinden. Einmal, da der Humor der Vorlage heute noch ebenso funktioniert wie damals und zweitens durch die Aspekte, die Flix verfremdet hat. So ist Alonsos süße Herzdame Dulcinea heute eine Katze, die mittelalterlichen Dirnen wurden zu modernen Bordellarbeiterinnen, die Windmühlen sind Windrädern gewichen und sogar die Riesen und der Helm des Mambrin tauchen in modernisierter Form auf.

Der Autor hat sogar die Symbolik de Originals zumindest teilweise aufgegriffen und modernisiert. Galt Don Quijotes Kampf gegen die Windmühlen in Miguel de Cervantes Werk aus dem 16. Jahrhundert laut einiger Interpretation als Sinnbild des „ausweglosen Kampfes des gnädigen Herrn gegen die gnadenlose Maschine […], weil der rasante technische Fortschritt damals den Machtverlust der Aristokratie vorantrieb“ (Wikipedia) so ist es auch heute, versinnbildlicht durch die Windräder, die rasende technische und damit auch gesellschaftliche Entwicklung, gegen die Flix‘ Held aufbegehrt.

Die schwarz-weiß-Zeichnungen sind cartoonhaft mit teils karikaturistischen Übertreibungen. Damit erhält jede der Figuren einen eigenen Charakter. Ebenso beherrscht Flix die Mimik, über die einiges abzulesen ist. Überhaupt hat Flix verstanden, dass die Bildebene in einem Comic einen nicht unbeträchtlichen Teil der Handlung auch ohne Worte transportierten kann.

Das Coverdesign ist übrigens äußerst liebevoll einem abgegriffenen und fleckigen Reclam-Heftchen nachempfunden. Vorangestellt ist außerdem ein Vorwort von Frank Schirmmacher, Journalist und einem Mitherausgeber des „Märkischen Volksfreunds“.

FAZIT
Bitter, melancholisch und mit klugem Witz, der nie auf die Kosten der Protagonisten geht. Flix gelingt eine wunderbare Stimmungs-Gratwanderung und eine eigenständige Neuinterpretation des Ritter-Klassikers.

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