Franco Porcarelli: Die Hochzeit des Meeres und der Hölle – Mit den Geschichten vom offenen Meer

HochzeitIllustrationen von Sergio Toppi
Raben Verlag, München, 1984
Kartoniert mit aufgeklebter Deckelillustration, 19,5 x 29,5 cm, 100 Seiten, € 9,50, ISBN 3-922696-12-0
Aus dem Italienischen von B. Pfletschinger
http://www.raben-verlag.de/

„Seit dieser Nacht erschien es einleuchtend, dass ich den Faden meiner Überlegungen neu aufrollen müsste, wenn ich in das Labyrinth der ungewöhnlichen Ereignisse, in die ich verstrickt worden war, eindringen wollte. Um zu begreifen, welche Art Spiel mir Roule aus der Ferne anbot, musste ich die Karten, die ich bis jetzt erhalten hatte, neu mischen. Die letzte Unterhaltung mit Quant ließ keinen Zweifel offen: Der Kapitän stellte mich unablässig auf die Probe. Meine Intelligenz war durch dieses Aufeinandertreffen aufs Äußerste herausgefordert, fast hätte ich gesagt: geschmeichelt. Ich konnte mir kein Zögern mehr gestatten.“

Nachdem der Dreimaster „Baltimore“ reichlich mitgenommen einen schweren Sturm überstanden hat, gerät das Schiff über mehrere Tage in einen dichten Nebel, der mit einer ebenso langen, unerklärlichen Flaute einhergeht. Plötzlich wird die Mannschaft eines Glockenklangs gewahr, ein Notsignal von einem anderen Schiff, das offenkundig ebenfalls in dem Nebel gefangen ist. Eine geringe Strömung treibt die „Baltimore“ auf das Signal zu und was sich aus dem Nebel schält ist die augenscheinlich verlassene „Saturnia“, das Schwesterschiff der „Baltimore“. In der Absicht, sich ein Bild von der Lage zu machen und gegebenenfalls seine Hilfe anzubieten, ist als einziger der Schiffsarzt Hastings bereit, dorthin überzusetzen. Kaum auf dem Deck der „Saturnia“ angelangt wird er von einem Elmsfeuer, einem Gehenkten und drei bedrohlichen Gestalten überrascht, bevor er auf seiner Flucht über Deck den Offizier Quant trifft. Dieser teilt ihm mit, dass der Kapitän der „Saturnia“ erkrankt ist und nur Hastings ihm helfen könne.

„Am Morgen drauf, noch ausgestreckt in der Hängematte liegend, ordnete ich wieder meine Gedanken und fasste einen schnellen Entschluss: Ich musste feststellen, ob das, was ich in der vergangenen Nacht (der Nacht, in der ich mit Beschämung meine Zerbrechlichkeit ermessen hatte) gesehen und gehört hatte, die Folge eines Nervenfiebers gewesen war. Andernfalls barg die „Saturnia“ unbestreitbar ein Geheimnis, dessen Fragmente sich mir nacheinander bei meiner Ankunft gezeigt hatten: Offiziere, die nicht die Meuterei der Mannschaft bemerkten; eine Schiffsbesatzung, die Jagd auf Kapitän Roule machte; Folterungen, Hinrichtungen, der seltsame Zustand des Schiffes – alles war gleichermaßen unerklärlich“

Sobald Hastings das Deck der „Sartunia“ betritt, beginnt für ihn eine rätselhafte Tour de Force, auf der die Grenzen des Rationalen schon bald hinter ihm liegen. Immer wieder wird ihm unter Nennung verschiedenster Gründe verwehrt, zum Kapitän vorgelassen zu werden,  der, den Büchern und Geräten in seiner Kajüte zufolge, ein vielseitig interessierter und gebildeter Mann sein muss. Außerdem ein Forscher, Erfinder und Ingenieur, so dass man fast an Jules Vernes Kapitän Nemo denken möchte. In das Schiff ist eine Art Halterung eingebaut, die es ermöglicht, Ladung selbst bei schwersten Seegang erschütterungsfrei zu lagern, was die „Saturnia“ für Sprengstofftransporte prädestiniert. Ferner sind auf dem Schiff einige chemisch betrieben Maschinen in Gang, aus denen Gase ausströmen, die Unwohlsein und Halluzinationen hervorrufen und die dem Anschein nach sogar für den umgebenden Nebel verantwortlich sind.

Die Kommunikation mit dem Kapitän und Hastings Diagnose läuft indirekt über den Offizier Quant, der seinen Gast nie aus dem Augen zu lassen scheint. Dennoch – oder deswegen – verstärkt sich Hastings Argwohn, der eine erste Bestätigung erfährt, als ein Ruderboot, das ihn zur „Baltimore“ zurück holen soll, von jemandem mit seiner eigenen Stimme abgewiesen und wieder weg geschickt wird ohne dass er in das Geschehen eingreifen kann. Fortan scheint Hastings ein Gefangener auf der „Saturnia“ zu sein, auf der vermeintlich zwei Parteien existieren. Die Gefolgsleute des geheimnisvollen Kapitän Roule und diejenigen Seeleute, die von Roule geknechtet und gar gefoltert werden und unter denen sich der Wahnsinn ausbreitet.

„Im Namen des Vaters, geh weg … ich weiß, dass es nichts nützt, ich weiß, dass es nichts nützt, aber: Im Namen des Vaters, geh weg … Berühre nicht meine Ketten, im Namen des Vaters. Und sag Roule, wenn du selbst nicht Roule bist, sag ihm, im Namen des Vaters, sag Roule: er soll in der Nacht nicht mehr mein Fleisch verschlingen, sag ihm das. Hast du verstanden?
In diesem Moment blickte ich auf seine rechte Hüfte. Er hatte dort eine offene, lebende Wunde, als hätte ein langes Messer ihm Muskeln und Adern durchschnitten und mehr als ein Pfund Fleisch war herausgerissen worden.“

Das Ziel des Kapitäns ist offenbar eine in Sichtweite gelegene Insel, die sich mal am Bug und mal an Heck der „Saturnia“ zeigt und der sich das Schiff trotz anhaltender Flaute stets zu nähern scheint. Nun ist Hastings als Mann der Tat charakterisiert, der es versteht, seinen analytischen Verstand zu benutzen und der trotz der seltsamen und gespenstischen Begebenheiten um sich herum nicht in Entsetzen erstarrt, sondern den Ursprung dieser Ereignisse ergründen will. Die Geräte und Aufzeichnungen in der Kapitänskajüte lassen für ihn nur den Schluss zu, dass Roule sein Schiff – absichtlich oder nicht – direkt auf eine unsichtbare Grenze manövriert hat, auf der die Zeit geteilt wird, so dass auf der „Saturnia“ zwei Zeitzonen existieren und so möglicherweise auch die Besatzung sowie er selbst verdoppelt wurde. Dreh- und Angelpunkt dieses Phänomens scheint die nahe Insel zu sein, der Hastings nun einen Besuch abstattet, wo er endlich auf Roule trifft und wo sich anschließend ein kaltblütiger Mord ereignet.

„Am äußersten Punkt des Schiffes angelangt, überflog ich das Meer. Die Insel war  nicht zu sehen. Andere Beweise brauchte ich nicht. Es hatte den Anschein, als wäre die „Saturnia“ nicht ein Schiff, sondern zwei. Das erste, das von Quant, Quomodo und Mariner, richtete seinen Bug eindeutig auf die Insel. Das andere zeigte mit dem Heck darauf, und an seinem Hauptmast war ein Gehenkter aufgeknüpft, dessen Gesicht mit einer Kapuze verhüllt war. Der einzige, der zwischen den beiden Schiffen, die nichts miteinander zu tun hatten, hin- und herpendelte, war ich. Ich – und vielleicht noch Roule.“

Zurück auf der „Saturnia“ haben sich die Ereignisse während Hastings Abwesenheit in beiden Zeitlinien offenbar beschleunigt, ja sogar überschlagen. Wieder steht er dem Kapitän gegenüber, der sich nun als jemand anderes zu erkennen gibt und dem Arzt eröffnet, dass alles, was sich seit seiner ersten Ankunft ereignet hat, einem Plan folgt, der sich nun endlich in aller Konsequenz erfüllen soll.

„Ich erinnere mich einer alten Sage aus meiner Heimat Irland, in der von einem Lebenden erzählt wird, den eines Nachts eine Bande von Toten gefangen nimmt, Die Verstorbenen führen ihn schweigend in eine menschenleere Arena. Es ist Vollmond. Dann kommt ein weiterer Zug von Leichen an, der vor sich einen andern Lebenden hertreibt. Mit Zeichen werden die beiden zum Kampf aufgefordert. Ein Lebender tötet den anderen, ohne zu wissen weshalb und der Tote reiht sich in die Prozession der Leichname ein, die, immer noch schweigend, bald verschwindet …“

Alles in Allem ist DIE HOCHZEIT DES MEERES MIT DER HÖLLE nur schwer zu klassifizieren. Eindeutig maritime Phantastik und doch weit von den strukturiert aufgebauten Erzählungen eines William Hope Hodgson entfernt. Das Nachwort nennt unter anderem Edgar Allan Poes ARTHUR GORDON PYM und H. G. Wells DIE INSEL DES DR. MOREAU aber auch Lovecraft, Hoffmann, Maupassant und Kafka als literarische Anverwandte. Auch Jules Verne darf ungenannt dazu gezählt werden. Besonders Kafka scheint, sieht man die Gesamtheit der Erzählung, äußerst treffend zu sein, denn so rational und gefestigt sich Hastings auch verhält, um wie ein Detektiv die Geheimnisse der „Saturnia“ und ihres Kapitäns aufzudecken, wird er stets mit neuen unvorhersehbaren und bizarren Ereignissen konfrontiert, die seine eben noch so vernünftigen Schlussfolgerungen stets aufs Neue ad absurdum führen. Der Autor lenkt die Geschichte trotz der gegebenen Enge des Schauplatzes in immer neue Richtungen. Bisweilen scheint Hastings selbst nur Teil einer ihm unbekannten Inszenierung zu sein, die doch von langer Hand geplant ist; ein Schauspiel, das begonnen hat, sobald er nach seiner Nebelfahrt erstmals die Planken der „Saturnia“ betreten hatte. Die Symbolik des Nebels als Grenze zwischen zwei Realitäten ist nicht zu unterschätzen. Dieses surreale Gesamtgebilde füttert der Autor unablässig mit unterschiedlichsten Themen der Phantastik, so dass sich in der Erzählung vermeintlich „logische“ Science-Fiction-Elemente aber auch diffuse Motive der schwarzen Romantik finden bis hin zu recht modernen Horror-Themen.

Der als Autor genannte Franco Porcarelli zieht sich in der Einleitung auf die Rolle des Herausgebers zurück, der angeblich die ihm vorliegenden ersten Kapitel des Werkes lediglich um ein Schlusskapitel, „von dem ich hoffe, dass es nicht allzu sehr von seinen schöpferischen Intentionen abweicht“, ergänzt hat. Das Manuskript sei von einem schottischen Edelmann unter dem Pseudonym James Milesius  verfasst und dem „Echo von Nantucket“ angeboten worden. Dessen Herausgeber hätte eine Veröffentlichung aufgrund der „mangelhaften Kenntnis des Seemannsjargons“ und der „unwahrscheinlichen Geographie der Saturnia“ jedoch abgelehnt. In wie weit dies den Tatsachen entspricht, lässt sich nicht prüfen.

Der Münchener Raben Verlag hat seine Tätigkeit bereits 2002 eingestellt, viele Bücher, auch DIE HOCHZEIT DES MEERES UND DER HÖLLE“ sind jedoch weiterhin formlos über die Gesellschaft für ökologische Forschung München zu bestellen (info@oekologische-forschung.de).

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