Jörg Kleudgen: Saburac

Goblin Press, Büdingen, August 2013Saburac
Handgefertigtes Taschenbuch mit Lesebändchen und Schutzumschlag, Phantastik, 74 Seiten, keine ISBN, 10,00 EUR
Umschlaggestaltung: Jörg Kleuden 

https://www.facebook.com/jorg.kleudgen

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„Krebs spähte durch eines der Fenster und erblickte einen Saal voller rostiger Gitterbetten. Wie ein Schlag trafen ihn Bilder aus dem einstigen Alltag des Hauses. Im Hintergrund war stets etwas zu sehen, das ihn an eine große Motte erinnerte. Eine Motte, deren Flügel aus schwarzer Spitze waren und die geräuschlos durch die Räume schwebte.“

STORY

Nachdem sein Navigationsgerät den Geschäftsmann Günter Krebs aus unerfindlichen Gründen von der Autobahn herunter gelotst hatte, findet er sich – nach einer Passage durch dichten Wald und Unwetter – in dem kleinen Städtchen Beuringen wieder, wo er im Schlosshotel für die Nacht einkehrt. Sein Termin in Frankfurt verschiebt sich auf den nächsten Tag, was ihm einen Tag willkommene Freizeit beschert. In einem Antiquariat ersteht Krebs fast schon überhastet ein seltsam erscheinendes Tagebuch. Ein Ausflug in die Umgebung führt ihn zum verlassenen und heruntergekommenen „Gräflichen Waisenhaus zu Beuringen“, dessen Anblick ihn unerklärlich anrührt und unangenehme Erinnerungen wachruft.

Auch sein Geschäftstermin verläuft auf befremdliche Art, jedoch überraschend widerstandslos und Krebs sieht sich endlich am Ziel seiner materiellen Träume. Auf dem Rückweg lenkt er seinen Wagen wieder unbewusst nach Beuringen. Denn der Ort hält noch weitere Enthüllungen für ihn parat.

„Über weitere Korridore fanden wir Zutritt zum Schlafsaal, wo tatsächlich die Nonnen in grauen Gewändern auf ihren harten Betten lagen. Sie trugen weiße Hauben und hatten die Hände über der Brust gefaltet. Zuerst glaubte ich, sie schliefen nur, doch als ich ihre dunkelvioletten Lippen und die tiefschwarzen Ringe um ihre Augen sah, begriff ich, dass sie tot waren.“

MEINUNG

Wie auch in vielen anderen Erzählungen von Jörg Kleudgen und der Goblin Press trifft der Leser in SABURAC auf einen Protagonisten, der unabhängig ist von menschlichen Bindungen und der auf seinen vermeintlich sicheren Weg von mysteriösen Ereignissen eingeholt wird. Der Geschäftsmann Günter Krebs ist jedoch kein verschrobener, träumerischer Einzelgänger, sondern ein Mann, der vermeintlich fest auf der Erde steht. Wie einst Jonathan Harker ist Krebs unterwegs zu einem (nicht näher bezeichneten) Geschäftstermin, als sein Weg unversehens einen Ganz und Gar unerwarteten Verlauf nimmt. Ein Unwetter „treibt“ Krebs förmlich ins ihm unbekannte Beuringen, wo er seit langem ersehnte Erholung findet. Ein Gefühl der Heimkehr stellt sich ein. Gleichzeitig erwächst in Krebs jedoch auch ein unbestimmtes Gefühl der Bedrohung. Visionen (oder Erinnerungen) scheinen seinen Weg zu lenken. Das erstandene Tagebuch füllt sich offenbar selbst mit prophetischen Einträgen.

Wie Roland Block aus Jörg Kleudgens und Michael Knokes Gemeinschaftsroman TOTENMAAR (Blitz Verlag) wird auch Günter Krebs von Ereignissen getrieben, die in einer unbewussten Vergangenheit wurzeln. Ein Weg, den er nicht beeinflussen kann.

In fast überschwänglichem Maß verwendet Jörg Kleudgen in SABURAC Symbole. Das beginnt mit der Fahrt durch ein Unwetter, was den Übertritt in eine andere (phantastische) Welt symbolisiert, geht weiter bei den Namen der Protagonisten  bis hin zur Unterzeichnung eines Vertrags mit Blut. Auch der geheimnisvolle Geschäftsmann Lux, den Krebs in Frankfurt treffen soll, ist zwar ein fester Bestandteil der Erzählung, taucht jedoch nie in Persona auf, ebenso wie der nicht näher bezeichnete Graf von Beuringen. Ist es die Abwesenheit von Lux (in der Physik ein Maß für die Lichtstärke), die vieles im Dunkeln lässt?

Erst auf der letzten Seite liefert Jörg Kleudgen zumindest den Ansatz einer Erklärung, warum sich Krebs in Beuringen so vertraut berührt fühlt. Doch selbst dieser greift nicht vollständig und lässt den Großteil der mysteriösen Ereignisse um Günter Krebs ungeklärt. Daraus resultiert einmal mehr eine unscharfe und traumartige Stimmung, die die meisten Erzählungen von Jörg Kleudgen durchzieht und von der man sich einfach mitnehmen lassen sollte.

Nach eigener Aussage, musste sich Autor Jörg Kleudgen diese Erzählung von der Seele schreiben. Nicht unerheblichen Anteil an der geistigen Entstehung von SABURAC dürfte dabei der Umstand gespielt haben, dass der Autor seit kurzem einen neuen Lebensmittelpunkt, nämlich im hessischen Büdingen, hat. Aus Büdingen wird in der Erzählung Beuringen, wo sich Krebs ebenso „angekommen“ fühlt. Büdinger Leser werden wohl die eine oder andere Ecke ihrer Heimat in der Geschichte wiedererkennen. Nicht zuletzt auf dem vom Autor selbst gestalteten Schutzumschlag.

„Saburac“ bezeichnet übrigens die „Burg“ des mittelalterlichen Zauberers Catweazle aus der gleichnamigen britischen TV-Serie. Dieser reist der unfreiwillig aus seiner Zeit in die Gegenwart des Jahres 1970, um dort haarsträubende Abenteuer zu erleben. „Saburac“, eigentlich nichts weiter als ein maroder Wasserturm, ist für den Zauberer ein Ort der Einkehr und des Innehaltens.

Das Buch ist im A5-Format als „englische Broschur“ gefertigt. Dazu wurden A4-Seiten einseitig mit 2 aufeinander folgenden Seiten bedruckt, in der Mitte gefaltet, so dass sie zwei aufeinander folgende Buchseiten ergeben. Die offene Seite steckt jeweils in der Bindung, so dass die Falze den vorderen Buchschnitt bilden. Der mit eingebundene Buchumschlag ist schmuckloser Karton, um den der Schutzumschlag mit Titel und Coverbild (vorne und hinten eingeklappt, nicht festgeleimt) gelegt ist. Jedes Buch wurde einzeln in Handarbeit gefertigt und ist damit ein Unikat.

Zu beziehen ist das Buch zum Preis von 10,- EUR (+ Versand) direkt über den Verlag/Autor (joerg(at)the-house-of-usher.de).

FAZIT

Wieder eine phantastische bibliophile Liebhaberausgabe aus dem Hause Goblin Press. Jenseits gewinnorientierter Konformität und ein sehr persönliches Werk von Jörg Kleudgen.

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